Limburg ist überall
Die Affäre um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst zeigt wie in einem Brennglas: Das System römisch-katholische Kirche ist an vielen Stellen krank. Denn die Limburger Geschehnisse um die selbstherrliche und verschwenderische Amtsführung des Bischofs, die inzwischen weltweite Aufmerksamkeit gefunden haben, sind nur die Spitze eines Eisbergs. »Wundern wir uns über die aktuellen Missstände wirklich?«, fragt der katholische Theologe Hermann Häring, der vor seiner Pensionierung an der Universität Nimwegen Theologie lehrte. »Das war und ist doch die reale Sprache des offiziell existierenden und in Deutschland noch offiziell verteidigten Katholizismus.«
Die autoritär-absolutistische Amtsausübung vieler Bischöfe und Pfarrer, fehlende Mitsprachemöglichkeiten und eingeschränkte Freiheitsräume der sogenannten Laien, unklares Finanzgebaren, defensives Verhalten gegenüber einer kritischen Öffentlichkeit, Unterwürfigkeit, Harmoniestreben und Angst vor Kritik – das alles sind Symptome einer spezifisch katholischen Krankheit: Es gibt weithin (noch immer) eine Angst davor, dass Grundsignaturen der modernen und demokratischen Gesellschaft in der katholischen Kirche Einzug halten könnten.
Tebartz-van Elst: Wie ein Fürst von Gottes Gnaden
Der (Noch-)Bischof von Limburg hat das traditionalistische katholische Amtsverständnis umgesetzt, das ganz vom Weihepriestertum her denkt und das in seiner streng autoritären Ausgestaltung von seinem Förderer Joachim Meisner, Kardinal in Köln, unterstützt wird. Tebartz-van Elst hat sein Amt wie ein kleiner Fürst von Gottes Gnaden ausgeübt. Sehr rasch schon hatte er die Befugnisse der Laien eingeschränkt, die Pfarrbeauftragten, die quasi als Gemeindeleiterinnen und -leiter tätig waren, abgeschafft und den Gemeinde- und Pastoralreferentinnen und -referenten verboten, sich Seelsorgerinnen oder Seelsorger zu nennen. Diese autoritäre, beratungsresistente Amtsausübung brachte dem Limburger Bischof bald schon Kritik, Widerspruch und Widerstand im Bistum ein.
Auch im Bistum Regensburg hatte vor Jahren der damalige Bischof Gerhard Ludwig Müller, jetzt Chef der vatikanischen Glaubenskongregation, unter Berufung auf die offizielle katholische Lehre mit der Laien-Mitverantwortung aufgeräumt. »Jegliche Kritik an der Amtsführung des Bischofs wird als ein Angriff auf das Bischofsamt generell gewertet«, urteilt Johannes Grabmeier, Vorsitzender der Initiative Laienverantwortung Regensburg und kampferprobt in Konflikten mit dem früheren Regensburger Bischof. »Wer kritisiert, gilt als Kirchenfeind.« Limburg ist eben überall.
Aber die römisch-katholische Kirche ist nach offizieller Lehre ja auch faktisch eine religiöse Monarchie. Und in einer Monarchie hat nur einer das Sagen: der König, der Papst. In den Bistümern herrschen als »Diener aller« die Bischöfe, die »Fürsten«. Diese Struktur wird theologisch begründet: Papst und Bischöfe handelten an Christi Statt. Und nur ihm seien sie verpflichtet. Der Theologe Hermann Häring analysiert: »Entgegen allen Schriftzeugnissen und entgegen aller historisch verantworteten Theologie« seien die Bischöfe »zutiefst davon überzeugt, nur ihnen komme ein göttlicher Beistand zur Gestaltung und Leitung ihrer Diözesen zu«. Doch welches Gottesbild steckt hinter dieser Haltung? Und welches Selbstbild?
Und dann ist da noch das Geld: Nicht nur der Limburger Bischof hat bei seiner Ausstattung ja jedes vernünftige Maß verloren. Das Erzbistum München-Freising kaufte etwa ein Haus in Rom für 9,7 Millionen Euro. Gerhard Ludwig Müller hat zu seiner Zeit als Regensburger Bischof für rund 100 000 Euro seinen Bischofsstuhl im Regensburger Dom um eine Stufe erhöht.
Im Fall des Limburger Bischofs stellt sich auch die Frage: Begünstigen es die Strukturen der katholischen Kirche, dass Menschen mit ausgeprägt narzisstischen Zügen in der Hierarchie aufsteigen? Und hat nur der Bischof Schuld an der Misere? Welche Verantwortung fällt den Gläubigen zu?
Um diese und weitere Fragen geht es in dem Beitrag von Barbara Tambour und Hartmut Meesmann.
