Johannes Paul: Wahrlich kein Heiliger
Weshalb überhaupt Menschen »heiligsprechen«? »Das gesamte System der Heiligsprechungen ist fragwürdig geworden und bedarf der Demokratisierung«, sagt die Theologin Martha Heizer, Vorsitzende der Internationalen Bewegung »Wir sind Kirche«.
Und in der Tat: Die Heiligsprechung zweier Päpste am Sonntag, 27. April 2014 in Rom – verbunden mit der Tatsache, dass die meisten der in der neueren Kirchengeschichte verstorbenen Päpste auf dem Weg zur »Ehre der Altäre« sind – verklärt den Absolutheitsanspruch des Papsttums.
Auf Jesus von Nazareth und seine Jünger kann sich dieser Brauch der katholischen und orthodoxen Kirchen nicht berufen. Doch wenn der Vatikan schon meint, einen beispielhaften Christen nach langem oder kurzem Prüfprozess heiligsprechen zu müssen, dann bitte keinesfalls eine Person, die die Christen spaltet!
Zwischen politischem Mut und religiöser Anmaßung
Der polnische Theologe und Geistliche Karol Wojtyla, der als Papst Johannes Paul II. von 1978 bis zu seinem Tod 2005 Leiter der katholischen Weltkirche war, wird nach einem außerordentlich kurzen Verfahren heiliggesprochen. Er war im Dialog der Religionen und in der Weltpolitik ein großer Mann, etwa mit seinem Widerstand gegen den völkerrechtswidrigen Irak-Krieg der USA im Jahr 2003.
Doch Johannes Paul II. hat die katholische Christenheit tief entzweit. Und er entzweit sie bis heute. Denn er war kein Pontifex, kein Brückenbauer, sondern innerkirchlich ein Brückenzerstörer. Er pflegte den autoritären Kurs des »Mir-nach!«. Ein herrscherlicher Kirchenführer mit übergroßem Sendungsbewusstsein: So lässt sich der Papst aus Polen beschreiben, der sich selbst und seine Ansichten nicht selten überbewertete.
Auch Johannes XXIII. ist dran: Ein geschickter Schachzug
Die Heiligsprechung, die noch unter Papst Benedikt beschlossen wurde, soll Millionen Menschen auf die Beine bringen, in Rom wie in Polen. Deshalb beschloss die Kurie einen Doppelpack. Neben dem polnischen Konfliktpapst wird der liebenswürdige Konzilspapst Johannes XXIII. nun ebenfalls heiliggesprochen. »Papa Giovanni«, den das Kirchenvolk ohnehin längst zum Lieblingsheiligen erkoren hat, mögen alle. Er soll die Abgründe Wojtylas verdecken.
Dessen weltpolitische Verdienste um die Überwindung des Kommunismus sind groß. Doch in der Kirche selbst hat Johannes Paul II. reaktionäre Bischöfe eingesetzt, nachdenkliche Theologen sowie die Befreiungstheologen verfolgt und Pädophilie verharmlost.
Ein besonders schlimmes Beispiel für Letzteres ist seine öffentliche Wertschätzung für und die demonstrative Freundschaft mit Marcial Maciel, dem Gründer der Kongregation der »Legionäre Christi«. Maciel ging schon zur Zeiten Johannes Pauls der Ruf voraus, Kinder und Jugendliche zu missbrauchen und dafür seine Stellung im Orden zu missbrauchen. Johannes Paul II. reagierte nie öffentlich auf diese – später bestätigten – Vorwürfe.
Auch sonst fehlte dem polnischen Papst – trotz vielseitiger Begabung, literarischem Esprit und großem Charisma – jedes Gefühl für Unrecht in der Kirche. Offenbar war ihm die Institution selbst derart heilig, dass es ihm unerträglich war, innerkirchliche Debatten, gar Kritik am »System Kirche« zu ertragen. In Deutschland machte er sich früh Feinde, als er mit der brutal durchgeboxten Ernennung Joachim Meisners zum Erzbischof von Köln die »Kölner Erklärung« entsetzter und wütender Theologinnen und Theologen auf der ganzen Welt provozierte.
Kurz: Johannes Paul II. war politisch ein großer Mann – jedoch alles andere als ein Heiliger. Nun wird er trotzdem heiliggesprochen. Vielleicht ist es gerade diese Entscheidung, die unmissverständlich vor Augen führt, dass das Instrument der Heiligsprechung im 21. Jahrhundert nicht mehr taugt.
