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Gauck und ein Halleluja

von Elisa Rheinheimer-Chabbi 27.05.2016
»In welcher Gesellschaft wollen wir leben?«, fragt sich der Bundespräsident auf dem Katholikentag. Das Publikum schluckt seine Beruhigungspillen mit Wonne. Offenbar reicht es schon, wenn man den Menschen sagt, dass »unsere Befähigung zur Angst nicht das Einzige ist, was in uns steckt«. Vision geht anders
Seht, da ist der Mensch: Die Werbeplakate des Katholikentags. (Foto: dpa/Jan Woitas. Bearbeitung: Publik-Forum)
Seht, da ist der Mensch: Die Werbeplakate des Katholikentags. (Foto: dpa/Jan Woitas. Bearbeitung: Publik-Forum)

Zugegeben, es war eine allumfassende Frage, eine bei der man sich leicht verliert. »In welcher Gesellschaft wollen wir leben?« So lautete der Titel einer großen Podiumsdiskussion am Donnerstag des Katholikentages. Ehrengast war Bundespräsident Joachim Gauck – einer, von dem die Menschen Antworten auf diese Frage erwarten. Und so standen Hunderte vor der Arena Leipzig Schlange, um den Bundespräsidenten zu sehen und zu hören.

Eigentlich war es eine Veranstaltung, wie sie auch in anderem Rahmen hätte stattfinden können, an Universitäten oder auf politischen Fachtagungen. Schließlich ging es um nicht weniger als unsere Zukunft. Dass es eine Veranstaltung auf dem Katholikentag war, merkten die Besucher aber spätestens eine Viertelstunde vor dem offiziellen Beginn, als gemeinsam gesungen wurde. Die Musikgruppe Trimum, ein interreligiöser Chor, sang mit den Zuschauern gemeinsam »Vergiss die Gastfreundschaft nicht«; dann stimmte der deutsch-israelische Gitarrist ein Lied an, das seine muslimische Kollegin in hebräischer Sprache vortrug.

Bundespräsident Gauck und seine Mitdiskutanten – der Religionssoziologe Detlef Pollack, die Direktorin des Caritasverbandes in Berlin, Ulrike Kostka, und der Politikwissenschaftler Ahmet Cavuldak – sprachen all das an, was die Menschen in Deutschland momentan bewegt: Flüchtlinge, Rechtspopulisten, Angst vor Fremden, Identitätsfragen. Aber es blieb doch überwiegend bei den großen Schlagworten. Verständnis. Akzeptanz. Zuhören. Ernst nehmen.

Nur, wie Ulrike Kostka ganz richtig anmerkte: Diejenigen, die Katholikentage besuchen, sind nun mal überwiegend Akademiker aus der Mittelschicht. Menschen, die gerne Gutes tun. Und die gerne Gutes, Mutmachendes hören wollen. Die Ausgegrenzten – oder die, die sich so fühlen – die Armen, die Rechtspopulisten, sie sucht man auf dem Katholikentag wohl vergeblich. Nun ist das nicht die Schuld von Joachim Gauck und den anderen Podiumsgästen. Aber reicht es, wenn Gauck darauf hinweist, dass »unsere Befähigung zur Angst nicht das Einzige ist, was in uns steckt«? Wenn er vor dem »Angststurm« warnt, der die Politik erreicht – und gleichzeitig darauf verweist, dass es manchmal einfach Zeit, Ruhe und Erfahrungen brauche, um die Angst zu überwinden?

»Angst kann sich legen. Hoffnung und erfahrenes Miteinander können Ängste lösen«, sagte der Bundespräsident. Irgendwie war das ja beruhigend. Gauck hat eine Ausstrahlung, die mir vermittelt: Alles wird gut. Die Botschaft, die ich mitnehme: Wir müssen da jetzt durch, und ja, es ist hart, aber wir werden nicht untergehen. Geduld, Zeit und ein Sich-Einsetzen für die Demokratie, dann ist alles halb so wild. »Es gibt Wellen, aber das Staatsschiff befindet sich nicht in einem Orkan«, sagte er. Und natürlich nickte ich zustimmend, als er ergänzte: »Wir brauchen ein Training der seriösen Debatte, und da zählt das Argument und nicht das ängstliche Gesicht.« Applaus.

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Kann man aber Ängste einfach wegargumentieren? Werden Skeptiker, die befürchten, Deutschland werde von Fremden überrannt, plötzlich frohen Mutes, wenn man ihnen anhand von Zahlen und Fakten darlegt, dass nur ein verschwindend geringer Prozentsatz aller Flüchtlinge weltweit nach Europa kommt? Wohl kaum. Es ist schwer, mit Fakten gegen Gefühle anzukommen. Joachim Gauck, Detlef Pollack, Ulrike Kostka und Ahmet Cavuldak haben das versucht. Und ja, ein bisschen gestritten haben sie auch, zum Beispiel über die Frage, inwieweit man die Sorgen der Menschen nun ernst nehmen müsse – und welche Sorgen eigentlich. »Die Ängste von Zuwanderern, die sich fürchten, von Neonazis ermordet zu werden, oder die Ängste von Deutschen, denen alles zu fremd ist?«, fragte Ahmet Cavuldak.

Es ist bezeichnend, dass es in einer Diskussionsrunde, die vom Titel her in die Zukunft blickte, viel um das Thema Angst ging. Zwar beschwichtigte Detlef Pollack, »wir sollten keine Krise herbeireden« und verwies darauf, dass ein Großteil aller Deutschen zufrieden mit dem Leben hier sei, aber so ganz überzeugte mich das nicht. »Wo sind denn nun die großen Visionen für das realistische Miteinander?«, fragte ich mich.

Die Ersten hatten bereits den Raum verlassen, da stimmte der Gitarrist eine bekannte Melodie an, und seine muslimische Kollegin trat ans Mikrofon und sang »Halleluja« von Leonard Cohen. Der ganze Saal sang mit, angeleitet von einer Sängerin mit Kopftuch und einem Gitarristen aus Israel. Das sagt mehr als tausend Worte. Es war mein persönlicher Gänsehaut-Moment. Und ich glaube, es ging vielen so wie mir. Zumindest war die Luft auf dem Weg zur Straßenbahn von Summen erfüllt, war hier und da noch immer ein »Halleluja« zu hören, als die Menge sich längst aufgelöst hatte.

Ich bin ihr dankbar, der jungen Frau, die gesungen hat. Ich weiß nicht einmal ihren Namen, aber zur Antwort auf die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, hat sie mir eher verholfen als der Bundespräsident. Meine Antwort: Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der Musikgruppen wie Trimum, in der Christen, Juden und Muslime gemeinsam musizieren, gemeinsam lachen und reden, nicht mehr auf Katholikentage eingeladen werden. Weil sie selbstverständlich geworden sind.

Kommentare
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Thomas Laubensdörfer
29.05.201623:45
Nur leider wird von unserer Bundesregierung eine Menge dafür getan Ängste zu schüren: z.B. der internationale Terrorismus, weswegen das Volk nun wieder steigende Militärausgaben akzeptieren muss; die Rente wird nicht genügen, wir müssen selber vorsogen (leider kann das über 50% der Bevölkerung nicht)...um nur zwei Beispiele zu nennen. Solange die tatsächliche finanzielle Umverteilung beibehalten wird und somit immer mehr Menschen abgehängt werden, sind die Ängste nicht eingebildet sondern ganz real und auch realistisch. Dass die Reaktion auf die Ängste falsch ist ändert nichts an deren Ursachen. Insofern sehe ich momentan wenig Grund zum Optimismus. Dabei müssten wir nur auf unsere Geschichte schauen.
Angelika Bollinger
27.05.201612:45
Ich finde es sehr wichtig, dass Ängste, welche und von wem auch immer, benannt und damit überhaupt erst wahr- und ernstgenommen werden können. Welche Konsequenzen dann daraus gezogen werden ist sicherlich ein längerer Prozess.Aber einer der ersten Schritte ist, Ängste - auch die vor Fremdem überhaupt erstmal anzuerkennen. Dadurch besteht eine große Chance, dass sie sich verändern und in einem späteren Schritt überwunden werden können. Das ist ein wichtiger Teil der Herangehensweise von Marshall Rosenberg in seiner "Gewaltfreien Kommunikation", mit der er beachtliche Erfolge auch zwischen überaus verfeindeten Gruppen erzielen konnte.
Angelika Bollinger, Minden
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