Friedensfreunde
Es ist Nachmittag. Die große Tür des Friedenssaals am Prinzipalmarkt in Münster hat sich gerade geschlossen. Drinnen lauschen wir Touristen einer Stimme vom Band. Sie erzählt, wie 1648 hier der Westfälische Friede zustande kam. Von draußen dringt der Sound des Katholikentags durch die Fenster. Stimmengewirr, Musik, Lachen. 1648 ging es hier nicht so lustig zu. Die Gesandten der verfeindeten Kriegsparteien Europas waren nur zusammengekommen, weil keine Macht mehr militärisch gewinnen konnte. Sie spannen Intrigen, belauerten sich, fanden über Verhandlungen doch zum Frieden: »Die Hölle muss leer sein«, schrieb ein Gesandter verzweifelt nach Hause, bevor es endlich so weit war: »Alle Teufel sind in Münster.«
Suche Frieden: Geht das heute eigentlich genauso schwer wie früher? Mit moralischen Appellen geht es jedenfalls nicht, meint der Politikwissenschaftler Herfried Münkler: »Das Muster des Westfälischen Friedens hieß Pragmatismus.« Jedem musste der Friede irgendwie nutzen. Ein neues Europa ist daraus entstanden, Staaten wie die Niederlande und die Schweiz kamen erst damals zu Souveränität. Sind Moralapostel, allen voran religiöse, keine Friedensstifter, sondern eitle Rechthaber ohne Nutzen für Europas Frieden? Ach nein, 370 Jahre später sind wir ja weiter: Wir haben den Gedanken des Weltethos gefasst! »Was du nichts willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu!« Ein Christ hat die uralte Lehre den Religionen der Gegenwart verordnet. Ein katholischer Theologie, ein heute 90-jähriger Schweizer in Tübingen.
Congress Zentrum, Halle Münsterland. »Wer die Wahrheit sagt,verliert!« heißt das Podium an einem Morgen um 11 Uhr. Sind Wahlkämpfe etwa nur noch mit Populismus zu gewinnen? Nach anderthalb Stunden äfft Vera, Mitte 20, draußen vor der Tür Julia Klöckner nach: Jene CDU-Frau aus der Pfalz, die mit ihrem Pfälzisch kokettiert, schlagfertig ist, Lacher produziert, aber zum Populismus vor allem Gegen-Populismus zu bieten hat: »Ihr NGO-Bashing ging mir total auf die Nerven«, sagt Vera und verdreht in Erinnerung an das Podium die Augen. »Wer Landwirtschaftsministerin ist, muss sich eben auch mal Kritik von Campact gefallen lassen.« Frau Klöckner nicht. Dafür hatte sie gerade eine einfache Lösung präsentiert: NGOs sind Linkspopulisten. »Und alles Extreme macht die Mitte kaputt.« Eine wirre Sicht auf die Welt? Vera zuckt mit dem Achseln: »Sie ist halt Politikerin. Was soll man da schon erwarten?«
Wenn Politik Populismus geworden ist, kann dann Politik den Populismus beenden? Und mit wem suchen wir Frieden? Mit Populisten?
Es ist 13 Uhr, die Sonne lacht, nachdem es gestern geregnet hat. Ich bremse mein Fahrrad an einem Bistro im Hötteweg ab. Draußen sitzen! Herrlich! Bestellen muss man drinnen, bekommt eine elektronische Meldekarte in die Hand gedrückt, die grün aufleuchtet, wenn das Essen fertig ist. Also hinein und es abholen. Aber: Wer hält eigentlich in diesem Gedränge meinen Platz frei? Kaum bin ich aufgestanden, drängen die ersten Passanten in Richtung meines Stuhls. Ich frage am Nachbartisch: »Können Sie kurz auf meinen Platz achten?« »Wir können es versuchen«, sagt eine junge Frau und schaut verzagt. Als ich zurückkomme, ist an meinem Tisch alles besetzt. Bis auf einen Platz. »Das war mal meiner«, sage ich. »Darf ich da wieder hin?« »Logo!«, sagt mir ein Mann, der ihn eigentlich doch für seine Frau freihalten wollte: »Ich nehme dann meine Frau auf den Schoß.« Wir haben es sehr lustig zusammen bei diesem Essen. Als die Gattin kommt, bin ich gerade fertig und schwinge mich aufs Rad. Hat doch alles geklappt!
Wenn man niemanden hat, der einem den Platz verteidigt, muss man Kompromisse schließen. Verhandeln. Gewinnend werden. Das ist nicht der bequemste Weg. Lieber würde man ja auf sein Recht pochen. Aber was brächte das schon? Meist keinen Frieden. Sondern Krieg. Mit Worten. Oder Waffen. Der Kompromiss funktioniert bessert. Und satt wird man auch.
Ich lenke mein Rad Richtung Spiekerhof. Am Kiepenkerl-Denkmal halte ich an. Drumherum: Esstische, Menschen, die sich unterhalten und lachen. Mittendrin eine große Kerze vor der Statue. Sie brennt, wie in der Kirche. Der Kiepenkerl steht hier seit Jahrzehnten, erinnert an die vielen Kollegen mit ihren geschulterten Waren – früher ein alltägliches Bild. Der Kiepenkerl gehört zu Münster wie die Loreley zum Rhein. Nicht zu Münster gehören Attentate auf Menschen, die friedlich in der Sonne sitzen. Vor ein paar Wochen hielt sich jemand nicht an diese Regel. Hier tötete ein Mann mit einem Kleintransporter Menschen. Der Koch, der damals, wenige Stunden nach der Tat, in die Kamera eines großen Fernsehsenders sprach, ist wieder da. Ich sehe ihn, er hilft beim Bedienen. Sein Gesicht würde ich unter Hunderten erkennen. Damals sagte er in etwa: »Ich bin weggegangen, als das passiert war. Ich kann nicht verstehen, dass die Leute, die nicht tot waren und nicht verletzt, zum Teil einfach sitzen geblieben sind.« Es widerte ihn an. Er habe Stille gebraucht damals, Abstand, sagte er. Heute sehe ich ihn, wie er Gläser schleppt, Gäste anlächelt. Als ob nichts geschehen sei...? Und doch: Da ist diese Kerze.
Suche Frieden – und finde ihn. Niemand kann das Grauen der Welt ungeschehen machen. Es war da. Aber wir können versuchen, so viel wie möglich davon in der Zukunft zu verhindern. Und in der Gegenwart. Heute: ein Tag des Friedens. Auch wenn gestern der Tag des Unfriedens war. Nicht vergessen. Aber verändern.
Das Pressezentrum. Wie jeden Mittag gibt es hier gerade die Pressekonferenz des Tages. Ein Kollege der Katholischen Nachrichtenagentur (kna) fragt: Was sagt die Katholikentagsleitung zur Kritik des Regensburger Bischofs Voderholzer? Der hatte sich über das Programm von Münster beschwert: »Laien« sollten sich, bitte schön, um die weltlichen Dinge kümmern. Nicht um Fragen der Theologie und der inneren Ordnung der Kirche. Stephan Vesper vom ZdK widerspricht: Kirche seien alle. Und die Minderheit der Geweihten diene der Mehrheit. Eben den »Laien«. Die aber diskutierten über das, was alle angehe. Theologie und Kirche nicht ausgenommen. Hinter der Kritik des Bischofs aus dem Süden scheint ein aktueller Konflikt auf: Eine Minderheit der deutschen katholischen Bischöfe will mit Macht und Dogmatik allzu viel Öffnung des Katholischen zur Welt verhindern. Sieben von ihnen schrieben gerade nach Rom, um den Papst dazu zu bringen, evangelische Christen weiterhin von der katholischen Kommunion auszuschließen. Rudolf Voderholzer war einer von ihnen. Papst Franziskus hat nicht mitgemacht.
Suche Frieden? »Was alle angeht, können nur alle lösen.« Der Satz stammt aus der Welt des kritischen Rationalismus, aber er könnte auch aus der Welt des Katholischen stammen. Jetzt, beim 101. Deutschen Katholikentag. Niemand scheint hier mehr daran zu glauben, dass Friede schon werde, wenn man einfach mal darauf vertraue, dass Bischöfe schon alles regelten. Der Respekt vor dem bloßen Amt ist weg. Das Amt strahlt nur aus, wenn es keine Denkverbote ausspricht. Wenn der Amtsträger sagt: Ich bin auch nur ein Mensch. In Rom sitzt gerade so einer, der sagt: Ich sehe nicht alles schneller und besser als ihr; ich muss mich sputen, um die Welt zu verstehen. Frieden machen? Dazu gehört auch: »Ich bitte um Entschuldigung.« Der Papst kann das sagen. Kann es ein deutscher Bischof auch?
Auf dem Prinzipalmarkt steht ein erhöhtes Rednerpult. Es trägt die Aufschrift »Folge mir nach«, darunter #Frieden. Wer die Stufen erklimmt, wer schließlich oben steht, schaut über den ganzen Platz. Auf der Balustrade: ein twitter-board. Man kann hier in die ganze Welt twittern. Ein junges Paar tippt seine Grußbotschaft ein: »Westfälische Friedensgrüße aus Osnabrück!« »Aus Osnabrück?«, frage ich irritiert. »Na, da kommen wir her!«, sagt der junge Mann und findet, dass ich das doch nun wirklich mal verstehen muss. Osnabrück ist nur ein anderes Wort für #Frieden. Und Münster? In Gottes Namen natürlich auch.
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Wie schlug sich Volker Münz in Münster? Der AfD-Mann beim Katholikentag, der Protest, die Pannen, das Podium.
Ist die Bibel ein Buch der Gewalt? Und warum sprechen wir nie darüber?
Jesus im Koran: Warum es ihn dort gibt und was er dort macht.
Ist radikaler Pazifismus unter Christen out? Die Welt ist voller Krieg und Gewalt. Welche Antwort kommt von Katholiken?
Deine Ökumene, meine Ökumene? Warum die Katholiken keine Lust mehr auf Apartheid von Protestanten haben. Und ihre Bischöfe kritisieren.
Wenn Politiker zu Populisten werden: Kann man so die Krise des Politischen bekämpfen?
