Erst mal ein Dach über dem Kopf
Jost Herrmann und Gudrun Grill sind auf dem Weg zur Containerunterkunft der Asylbewerber in Weilheim in Oberbayern. Er ist evangelischer Pfarrer, sie katholische Pfarrhelferin. Als sie ankommen, laufen ihnen einige Männer und Kinder entgegen; es gibt ein großes Hallo. Die beiden Koordinatoren des Unterstützerkreises Asylbewerber sind hier Gäste, die man schätzt. Jeder, der gerade beim Kochen ist, möchte die beiden unbedingt zum Essen einladen. Wohin nur sollen sie sich zuerst wenden? Hände greifen nach ihnen, Gesichter strecken sich ihnen entgegen. Manche nennen Gudrun Grill »Mama«. Mama, setz dich, iss mit uns! Was gibt es zu berichten? Kannst du uns etwas Neues erzählen? Gudrun Grill ist für die einen so etwas wie ein Mutterersatz, denn es gibt hier Flüchtlinge, die ihre leiblichen Eltern verloren haben. Für die anderen ist sie einfach die Frau, die hilft. Die einen Plan hat, wie es weitergehen könnte. Die durch ihre pure Anwesenheit Rettung verspricht aus dem Elend.
Es ist eine einfache Tatsache, die Unterstützer aus Kirchenkreisen auf den Plan ruft: Flüchtlinge in Deutschland können nicht damit rechnen, immer und überall mit offenen Armen empfangen zu werden. Das macht die Arbeit der Kirchen wichtig. Die Bundesregierung geht nach aktuellen Schätzungen von 200 000 Asylbewerbern im Jahr 2014 aus. Zeitweilig konnten in Erstaufnahmeeinrichtungen in Bayern, Berlin und Nordrhein-Westfalen keine weiteren Flüchtlinge mehr aufgenommen werden. Und dass es jüngst Nachrichten über Sicherheitsmänner gab, die Menschen in Unterkünften misshandelten, macht das Bild nicht rosiger.
Mehr Flüchtlinge aufnehmen?: Deutschland ist gespalten
Pfarrer Jost Herrmann engagiert sich genau deshalb für Flüchtlinge. Aber er versteht auch, warum andere es nicht tun: »Die Menschen sind aufgrund der steigenden Flüchtlingszahlen teilweise ratlos und ohnmächtig. Diese Ängste muss man ernst nehmen.« Der aktuelle ARD-Deutschlandtrend bringt es an den Tag: Zwar sind 48 Prozent der Befragten derzeit dafür, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Doch 45 Prozent sind dagegen.
In Weilheim in Oberbayern hat sich der Unterstützerkreis Asylbewerber im Mai vergangenen Jahres gegründet. Mittlerweile besteht er aus achtzig Ehrenamtlichen, die sieben Unterkünfte betreuen. Der Arbeitskreis ist an die Kirchen angeschlossen. Unter den Ehrenamtlichen sind aber auch Atheisten und Angehörige nichtchristlicher Religionen. Jede Unterkunft hat einen eigenen Koordinator. »Gute Koordination bedeutet für uns vor allem, dass jeder Freiräume bei der Ausgestaltung seiner Arbeit hat, aber auch regelmäßig Schulungen zur Unterstützung für die Arbeit angeboten bekommt«, erklärt Gudrun Grill. Denn: Entscheidend ist, wahrnehmen zu lernen, was jeder Flüchtling wirklich braucht. Wer denkt, er wisse bereits, was das Gegenüber nötig hat, liegt oft falsch: »Die Menschen sind viel selbstständiger und selbstbewusster, als manche Helfer glauben«, sagt Jost Herrmann: »Man darf sie nicht zu ›Betreuten‹ degradieren.«
Die Bewältigung des Alltags steht in jedem Fall im Mittelpunkt. Deutschkurse, ausfüllen von Formularen, gebrauchte Fahrräder besorgen: Damit sind Flüchtlinge und Helfer oft gleichermaßen intensiv beschäftigt. In Weilheim leben mittlerweile siebzig Asylbewerber. Zu Anfang waren es nur sieben. Schnell hat sich das geändert. Und die Helfer wissen: Es können sehr schnell noch mehr werden.
Ändert der ungebremste Flüchtlingsstrom nach Deutschland die deutsche Flüchtlingspolitik? Horst Seehofer, Bayerns Ministerpräsident (CSU), hatte Mitte September aufgrund steigender Flüchtlingszahlen Kirchenvertreter, Wohlfahrtsverbände und Kommunen zu einem bayerischen Flüchtlingsgipfel geladen. Die Caritas kündigte auf dem Gipfel an, bis Anfang 2015 ein Qualifizierungsprogramm für Erzieherinnen und Erzieher vorzulegen. Sie sollen lernen, besser mit traumatisierten Flüchtlingskindern umzugehen.
Auch die deutsche Asylgesetzgebung befindet sich im Umbruch. Die leidige Residenzpflicht – die Menschen mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus das Reisen im Land verbietet – fällt. Und arbeiten dürfen sie künftig schon nach drei statt nach neun Monaten. Dieser Entscheidung liegt ein »Asyl-Kompromiss« zugrunde, der Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt, folglich Asylanträge aus diesen Herkunftsländern nahezu aussichtslos macht. Die frei werdenden Mittel sollen den anderen zugute kommen. Jenen, die aus Sicht der Bundesregierung die Hilfe nötiger brauchen.
Ist Asyl wirklich teilbar?
Dass ausgerechnet Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) diesen Kompromiss akzeptiert und damit politisch möglich gemacht hat, nehmen ihm Flüchtlingsinitiativen quer durchs Land übel. Sie fragen: Ist Asyl teilbar? Verraten wir die einen, um den anderen damit bessere Chancen auf ein Leben und Arbeiten in Deutschland zu geben? Für zahlreiche kirchliche Initiativen, die sich für Flüchtlinge einsetzen, wird der Kompromiss allerdings nun eine pragmatische Erleichterung bringen. Sie werden bei ihrer Unterstützung für arbeitsuchende Asylbewerber künftig erfolgreicher sein können als bisher.
Es wird Herbst, die ersten Tage sind kalt und windig. Wie lebt man da in Wohnprovisorien, wie sie vielerorts für Flüchtlinge Alltag sind? In Duisburg sollen zwanzig Zelte auf einem Sportplatz Schlafplätze für hundertfünfzig Menschen bieten. Als die Anwohner von diesem Plan erfahren, gibt es Protest. Die nahe gelegene katholische St.-Dionysius-Pfarrei sucht nach einer Alternative. Pfarrer Herbert Werth bietet der Stadt schließlich zwei leerstehende Immobilien für etwa sechzig Personen an.
Duisburg ist kein Einzelfall: In immer mehr Gegenden stellen Pfarreien ihre Gebäude für ankommende Flüchtlinge zur Verfügung. So sind im Erzbistum München-Freising 500 von ihnen in kirchlichen Einrichtungen untergekommen. Im Bistum Würzburg ließ Bischof Friedhelm Hofmann etwa 5000 Pfarreien, Klöster und andere kirchliche Einrichtungen anschreiben und überprüfen, ob Wohnraum zur Verfügung gestellt werden könne. Auch andere Bistümer und evangelische Landeskirchen stellen Flüchtlingsunterkünfte zur Verfügung.
Damit die Integration möglichst früh beginnen kann, fordert Annette Stepputat, Flüchtlingsbeauftragte der evangelischen Landeskirche in Baden, dezentrale Unterbringungskonzepte zu entwickeln. Die Erfahrung zeige, dass mehr als die Hälfte der Asylsuchenden längerfristig in Deutschland bleibe. Die Landeskirche schrieb deshalb sämtliche Kirchengemeinden an und appellierte an die Mitglieder, leerstehende Wohnungen an Flüchtlinge zu vermieten.
In Jena wurde Anfang September mit einem Gemeindeabend an das dort erstmals gewährte Kirchenasyl erinnert. Damals, 1994, sollten vier armenische Familien aus der Stadt abgeschoben werden. Am Vorabend ihrer geplanten Abschiebung erhielten sie Kirchenasyl. Zelte wurden in der Stadtkirche St. Michael aufgeschlagen. »Bald zog Küchenduft durch den Kirchenraum und Kinderlachen begleitete den Orgelklang«, erinnert sich Ralf Kleist. Der Mitorganisator des ersten Kirchenasyls meint: »Im Prinzip haben wir heute dieselbe Lage wie damals. Es kommt weiterhin auf die Kirchengemeinde an. Darauf, wie sie sich in der rechtlichen Grauzone ›Kirchenasyl‹ verhält.«
»Sie sind und bleiben Entwurzelte«
In der Tat schrecken viele Gemeinden – selbst solche, die sich bereits intensiv für Flüchtlinge engagieren – vor dem Kirchenasyl zurück. Sie haben Angst, sich in die Illegalität zu bewegen. Könnte man wegen der Aufnahme von Flüchtlingen, die von Abschiebung bedroht sind, vielleicht sogar ins Gefängnis kommen? »Das Kirchenasyl ist eine Ordnungswidrigkeit, aber zugleich aktiver Menschenrechtsschutz«, erklärt Fanny Dethloff, langjährige Vorsitzende der ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche (BAG). Kirchenasyl bewege sich auf einem niedrigen Level der Rechtsverletzung und könne deshalb höchstens mit einer Geldstrafe geahndet werden. Laut Statistik der BAG verhindern achtzig Prozent aller Kirchenasyle eine Abschiebung des Asylbewerbers. Die BAG hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, Kirchengemeinden in allen Belangen des Kirchenasyls zu beraten.
Der Pommersche Evangelische Kirchenkreis (PEK) würdigte Ende September die Kirchenasylarbeit auf eine ganz besondere Weise. In allen Gottesdiensten wurde eine entsprechende Erklärung verlesen. So reagierte die Kirche öffentlich und politisch auf einen Antrag der NPD im Kreistag des Landkreises Vorpommern-Greifswald. Die Partei hatte vom Kreistag verlangt, die evangelische Kirchengemeinde Wolgast dazu aufzufordern, ihr aktives Kirchenasyl zu beenden. Nicht nur der Kreistag hatte den Antrag abgelehnt. Auch die Kirche gab an diesem Sonntag ihre Antwort auf die NPD.
Wolf Gunter Brügmann-Friedeborn, Kirchenvorstand der Wicherngemeinde in Frankfurt am Main, denkt auch mit Blick auf eigene Erfahrungen in der Gemeinde an die Frage, wozu ein Kirchenasyl dienen kann: »Was haben wir bieten können? Einen sicheren Ort. Begegnung mit Anteilnahme und Respekt. Eine Auszeit von der ewigen Flucht und Ungewissheit. Ein temporäres Zuhause, in dem die Menschen zur Ruhe kommen und wieder Kraft tanken konnten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Denn sie sind und bleiben, daran können wir leider nichts ändern, heimatlos herumschweifende Entwurzelte.«
