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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2014
Revolutionäre, wo seid ihr geblieben?
Der Herbst 1989 und sein Erbe
Der Inhalt:

»Ich bin ein Fremder gewesen«

von Volker Jun vom 10.10.2014
Fluchterfahrungen haben in der Bibel tiefe Spuren hinterlassen

Es hat einen tiefen Grund, dass Christinnen und Christen sich ganz besonders für Menschen auf der Flucht einsetzen. Die jüdisch-christliche Tradition ist selbst voll von Fluchterfahrungen. Abraham muss sein Land wegen einer Hungersnot verlassen. Mose und sein Volk fliehen vor politischer Unterdrückung durch den Pharao. Maria und Josef flüchten mit dem Jesuskind nach Ägypten, um der Willkür eines Herrschers zu entgehen. Fast immer erzählt die Bibel die Geschichte der vertriebenen Menschen aus der Perspektive der Flüchtlinge und nicht der Unterdrücker. Dabei legt Gott seine Hand schützend über die Verfolgten, wenn sie auf der Suche nach neuen Lebensgrundlagen sind.

Die Migrationserfahrungen haben tiefe Spuren in der Bibel hinterlassen. Vor allem das Alte Testament erinnert immer wieder daran: »Ihr seid selbst Fremde gewesen« (3. Buch Mose, 19, 34). Aus dieser Erfahrung heraus entwickelt es Vorschriften, wie Fremdlingen und anderen Hilfesuchenden zu begegnen ist. Es kennt sogar besondere Asylstätten, in denen jeder Zuflucht finden kann, dem Ungerechtigkeit widerfahren oder Gewalt angetan werden soll.

Im Neuen Testament werden diese Traditionen aufgenommen und fortgeführt. Jesus selbst fordert immer wieder dazu auf, Menschen in Not zu helfen. Eine seiner Begründungen lautet: »Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen« (Matthäus 25, 43). Das klingt wie ein Echo der alten Erfahrungen von Abraham und Mose.

Klar ist: Die Bibel versteht Flucht und Migration nicht als Ausnahmefall. Vertreibung und die Suche nach neuen Lebensperspektiven sind für die Bibel Grundgegebenheiten in der Geschichte der Menschheit. Das ist eine nüchterne Sicht, die sich im Jahr 2014 einmal mehr zu bewahrheiten scheint. Mir persönlich sind auch hier die Worte Jesu in der Bergpredigt sehr wichtig, in denen er sagt: »Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!« (Matthäus 7, 12). Das heißt: Ich frage mich, wie ich behandelt werden wollte, wenn ich meine Heimat verlassen müsste.

Wer sich auf diesen Gedanken einlässt, wird meines Erachtens bald erkennen, dass niemand seine Heimat ins Ungewisse verlässt, wenn nicht große Not ihn dazu treibt. Und wie sehr mit der Flucht der Wunsch verbunden ist, anderswo nicht abgewiesen zu werden, sondern eine neue Chance zu bekommen, das Leben eigenständig zu gestalten. Sich so in andere hineinzu

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