Die Häutung der Annette Schavan
Publik-Forum: Frau Schavan, Sie haben spektakuläre Höhen und Tiefen hinter sich. Nach der umstrittenen Aberkennung Ihres Doktortitels traten Sie 2013 als Bundesbildungsministerin zurück. Nun sind Sie Vatikan-Botschafterin in Rom. Was fällt schwerer: Abschiednehmen oder neu Anfangen?
Annette Schavan: Aufbruch ist das lachende Auge, zum Abschied gehört das weinende Auge. Ich habe achtzehn Jahre lang als Ministerin gestaltet, so lange wie nur wenige andere. Erst im Land, dann im Bund. Das legt man nicht wie einen Mantel an der Garderobe ab. Am 29. Juni, dem letzten Tag im Parlament, habe ich bei den Kolleginnen und Kollegen noch einmal deutlich gespürt, dass es ein Abschied von Menschen ist, mit denen ich über eine lange Zeit zusammengearbeitet habe. Das heißt immer auch: sich austauschen, viel voneinander wissen, Konflikte gestalten. Ich versuchte immer, diese hart in der Sache, aber mit Respekt auszutragen. Dafür wurde ich anerkannt, auch von politischen Gegnern.
Früher rief schon morgens früh um sechs der Deutschlandfunk an und wollte ein Statement. Heute nicht mehr.
Schavan: Der Abschied von der politischen Bühne ist mir leichtgefallen. Bei mir stand bald der Aufbruch im Vordergrund – und der Zugewinn an Lebensqualität.
Was ist für Sie Lebensqualität?
Schavan: Für mich überraschend und eine große Veränderung: ein neuer Umgang mit der Zeit. Als Ministerin habe ich in einem schnellen Takt gelebt. Jetzt sitze ich manchmal auch eine zweite Stunde in einem Gespräch. Ich kann mich in Themen vertiefen, und das ist schön.
Wie beginnen Sie Ihren Tag?
Schavan: Mit den Psalmen der Laudes. Die bete ich seit dreißig Jahren. Es sind täglich andere Psalmen, in denen die Kirche in ihrem Morgengebet schwingt. Unendlich viel Erfahrung und Leben steckt in den Texten seit 3000 Jahren. Zurzeit bedeutet mir ein Vers aus der Psalm-Übertragung von Huub Oosterhuis viel: »Gib mir Raum, weit wie der Himmel.« Einer meiner Lehrer, Bernhard Welte, übersetzte den Vers so: »Als mir’s eng war, hast du mir’s weit gemacht.«
Fühlten Sie sich eingeengt – und jetzt frei?
Schavan: Diese Psalmzeile ist mir nicht erst heute wichtig. Ich verbinde sie mit Gewohnheiten, die auch zu Verengungsgeschichten führen. Christsein meint doch auch, in diesen Gewohnheiten nicht zu bleiben, sondern Neues zuzulassen, das Weite schafft. Die Erfahrung des Aufbruchs ist da eine besondere Erfahrung, dem Neuen Raum zu geben.
Wie ist der Umbruch abgelaufen?
Schavan: Anfangs tickte in mir noch die innere Uhr, die nach einer Stunde auf den nächsten Termin hinwies. Doch als die innere Ruhe wuchs, stellte sich der Gedanke ein: Jetzt beginnt eine neue Lebensphase. Das war bei mir alle zehn Jahre so. Mit vierzig ging ich in die Politik nach Stuttgart, mit fünfzig nach Berlin – und nun nach Rom. Ich bin eindeutig der Typ, der sich konzentriert auf das, was kommt, und nicht hadert mit dem, was war.
Was hilft beim neu Anfangen?
Schavan: Gottvertrauen und Neugierde. Vertrauen darin, dass der Aufbruch sinnvoll ist, dass er mich in guter Weise beansprucht mit allen Sinnen. Und die Neugierde bewahrt einen davor, nur die Vergangenheit in die Zukunft ziehen zu wollen. Die Neugierde hilft auch, bei mir selbst Raum zu schaffen für das Neue.
Woher nehmen Sie die Kraft, um aufzubrechen, ohne am Alten zu haften?
Schavan: Ich erinnere mich oft an die Verse von Hilde Domin, Rheinländerin wie ich: »Man muss weggehen können und doch sein wie ein Baum: als bliebe die Wurzel im Boden, als zöge die Landschaft und wir ständen fest.« Für den rheinischen Katholizismus, aus dem ich stamme, ist Religion noch eine Lebensart, eine lebens- und weltzugewandte. Dieser Katholizismus hat mich geprägt. Die Welt und die Menschen sind nicht meine Gegner. Das hat mir in der Politik sehr geholfen. Und dann bemühe ich mich immer wieder neu zu verstehen, dass Gott die Welt und mich geschaffen hat – und ich ihm Rechenschaft abzulegen habe. Das begleitet und fördert mich in jeder Lebensphase anders; es stürzt mich auch immer wieder in Zweifel. Aber es lässt mich auch neue Kraft schöpfen.
Sie gelten als eine tief fromme Katholikin. Freunde wie auch Gegner identifizieren Sie so. Wie kommt Religion in Ihr Leben?
Schavan: Anfangs kam sie auf selbstverständliche Weise in mein Leben, im Elternhaus, ohne viel Aufhebens, doch so, dass die Religion dem Leben eine Form gab. Selbstverständlich trug mein Vater zu Ostern und Weihnachten seinen schwarzen Anzug. Die Pfarrgemeinde war Teil der Heimat. 1965, beim Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils, ging ich zur Erstkommunion. Es war zu spüren, wie dieses Aufbruchs-Konzil die Erwachsenen bewegte. Später erlebte ich als Jugendliche, wie in den Gemeinden Neues begann. Prägend waren für mich zwei Pastoren, der spätere Kölner Dompropst Heinz Werner Ketzer und der Jugendkaplan Norbert Feldhoff, später auch Dompropst. Die beiden haben die Stadt Neuss kulturell geprägt, weit über die Pfarrgemeinde hinaus.
Und später als Erwachsene?
Schavan: Ich habe Theologie studiert, weil ich wissen wollte: Was ist dran an dem, was ich in Neuss als so selbstverständlich und stimmig erlebt hatte?
Hatten Sie nie Zweifel?
Schavan: Zu meiner Glaubensgeschichte gehört auch der Zweifel. Bei mir war das Vertrauen aber letztlich immer stärker.
Welche Theologen waren am wichtigsten?
Schavan: Bernhard Welte und Franz Böckle. Der Moraltheologe Franz Böckle ließ uns Studenten in Bonn teilhaben an der großen Aufgabe, nach dem Konzil eine Renovierung von Grund auf am Haus der christlichen Ethik durchzuführen. Dabei liefert der Glaube an Jesus Christus Kompass und Orientierung. Doch wir lernten auch: Der moderne Christ muss selbst vernünftig handeln und verantworten. Das bedeutete Aufbruch, auch in den großen sozialethischen Fragen. All das beschäftigte mich später in der Politik – und bis heute.
Und der Religionsphilosoph Bernhard Welte?
Schavan: Ihn besuchte ich häufig in Freiburg. Wir begegneten uns erstmals 1978, als er – damals schon ein älterer Herr – auf dem Katholikentag einen Vortrag hielt über den Tod als Ernstfall der Hoffnung. Er war der Theologe, der das Nichtselbstverständliche thematisierte.
Das, was die Neusser Jugendwelt sprengte?
Schavan: Genau! Welte ging es um das ganz Andere. Um die Voraussetzungen, überhaupt heute zu glauben. Welte kam nicht mit der Lehre, der Dogmatik. Er trieb eine Theologie der leisen Töne. Beide, Böckle und Welte, haben mich für mein späteres öffentliches Leben sehr geprägt, weil ich bei ihnen lernte, dass die leisen Töne sehr wirksam sein können. Dass man nicht laut werden muss, um etwas klarzumachen.
Sie sind kritisch gegenüber den Konservativen in der CDU und ebenso in Ihrer Kirche.
Schavan: Ich bin kritisch gegenüber jenen, die den Eindruck erwecken, alles sei gesagt, deshalb brauche es keine Veränderung. Im Wandel zeigt sich die Treue zum Ursprung.
Obgleich Sie als eine faire Politikerin galten, gab es Schmutzkampagnen gegen Sie, so 2004 bei dem Mitgliederentscheid der Landes-CDU im Südwesten um die Nachfolge von Ministerpräsident Erwin Teufel.
Schavan: Ich bin verantwortlich für mein Verhalten, aber nicht für das anderer. Und vieles nehme ich absichtlich nicht wahr. So lese ich zum Beispiel keine anonymen Blogs. Das hat sich für mich als gute Strategie erwiesen gegen Spott und Häme Namenloser. Doch die Wirkung dieser Anonymen steht in keinem Verhältnis zu Sympathie, Kritik, Zustimmung, Widerspruch oder Solidarität von konkreten Menschen, die zu ihrer Position stehen und sich nicht hinter Pseudonymen verstecken. Wenn ich resümiere, zeigt sich, dass ich auch sehr oft sehr gut behandelt wurde. Im Herbst nach dem Rücktritt als Bundesministerin erhielt ich über 52 Prozent der Erststimmen bei der Bundestagswahl in meinem Wahlkreis Ulm, weit mehr als meine Partei: ein unbestechliches Votum, geschenktes Vertrauen.
Wie halten Sie Stunden großer Not aus?
Schavan: Es ist pragmatischer, als Sie denken. Die Höhen und die Tiefen gelten ja nicht der Person, sondern der Rolle. Man darf in den Höhen nicht besoffen werden von sich selbst und in den Tiefen nicht verzweifeln. Dennoch bleibt wahr: Tiefen und damit verbundene Anfeindungen brauchen Kraft. Heute nennt man das wohl Resilienz. Die ist bei mir, Gott sei Dank, stark ausgeprägt.
Zwei Jahrzehnte waren Sie Wissenschaftsministerin, stets im Kontakt mit Forschern. Wie viel von Gott bleibt nach all dem noch übrig?
Schavan: Er ist kein bisschen kleiner geworden. Gott ist der, der das alles ermöglicht. Und sich entschied, es nicht alles selbst zu machen.
