Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2022
Der Inhalt:

Kinotipp
Das Jahr, in dem die heile Welt zerbrach

von Birgit Roschy vom 07.10.2022
Der Film »Nachbarn« erzählt von einer Kindheit in einem kurdisch-syrischen Grenzdorf in den 80er Jahren.
Kindheit im Grenzdorf: Sero und sein Onkel Aram (Foto: © framefilm)
Kindheit im Grenzdorf: Sero und sein Onkel Aram (Foto: © framefilm)

Kino. »Juden töten Kinder und backen mit ihrem Blut Kuchen«, sagt der Lehrer. Und als Schulanfänger Sero bei seinen jüdischen Nachbarn wie so oft zum Sabbat die Kerze anzünden darf und zum Kuchenessen eingeladen wird, ist ihm plötzlich mulmig. Der Grat zwischen Tragödie und Groteske ist rasiermesserscharf in diesem Kindheitsdrama, das inspiriert ist von der Vergangenheit des Regisseurs. In einem Flüchtlingslager erinnert sich der erwachsene Sero an jenes Jahr, in dem seine heile Welt zerbrach. In einer atmosphärischen Rückblende lässt er seine Kindheit in einem kurdisch-syrischen Grenzdorf in den 1980er-Jahren wiederauferstehen. Mit seinen Freunden zieht der Sechsjährige um die Häuser und verübt Streiche; ärgert mit Onkel Aram die türkischen Grenzer oder lässt eine Landmine explodieren. Sein größter Wunsch ist ein Fernseher, um Zeichentrickfilme schauen zu können. Doch das Dorf hat keinen Strom, was sich aber, glaubt man dem neuen Lehrer, ändern wird. Der Pauker, der den kurdischen Kindern mit dem Stock Arabisch einbläut, ist ein Idealist, der das Licht der Aufklärung bringen will, und zugleich ein Fanatiker und Anhänger des arabischen Nationalismus. So übt er ein Theaterstück ein, in dem die Kinder eine Stoffpuppe als Symbol für Israel mit Messern zerfetzen müssen. Standhalten oder flüchten? Diese Frage wird nicht nur für Seros Nachbarn drängender. Aus kindlicher Sicht geschildert, beleuchtet der Film im Mikrokosmos eines Dorfes neben den politischen Verwerfungen des Nahen Ostens die Despotie und Korruption des Assad-Regimes – und gibt in anrührenden Milieuschilderungen den Opfern ein Gesicht.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 19/2022 vom 07.10.2022, Seite 55
Gott vertrauen
Gott vertrauen
Navid Kermani über den Schatz religiöser Traditionen in einer taumelnden Welt
Digital-Zugang: 4 Wochen für 1€
Kommentare und Leserbriefe
Ihr Kommentar
Noch 1000 Zeichen
Wenn Sie auf "Absenden" klicken, wird Ihr Kommentar ohne weitere Bestätigung an Publik-Forum.de verschickt. Sie erhalten per E-Mail nochmals eine Bestätigung. Der Kommentar wird veröffentlicht, sobald die Redaktion ihn freigeschaltet hat. Auch hierzu erhalten Sie ein E-Mail. Siehe dazu auch Datenschutzerklärung.

Mit Absenden des Kommentars stimmen Sie der Verarbeitung Ihrer Daten zur Bearbeitung des Kommentars zu. Zum Text Ihres Kommentars wird auch Ihr Name gespeichert und veröffentlicht. Die E-Mail-Adresse wird für die Bestätigung der Bearbeitung genutzt. Dieser Einwilligung können Sie jederzeit widersprechen. Senden Sie dazu eine E-Mail an [email protected].

Jeder Artikel kann vom Tag seiner Veröffentlichung an zwei Wochen lang kommentiert werden. Publik-Forum.de behält sich vor, beleidigende, rassistische oder aus anderen Gründen inakzeptabele Beiträge nicht zu publizieren. Siehe dazu auch Netiquette.