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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2018
Himmlische Klänge
Musik als spirituelle Kraft der Religionen
Der Inhalt:

Aufgefallen: »Asylant Ihres Vertrauens«

von Eva-Maria Lerch vom 10.08.2018
Der Student Ali Can verteilt Schokolade auf Pegida-Demos, spricht respektvoll mit Rechtspopulisten und hat den Hashtag »Me Two« gegründet

Seine Verwandten hatten ihn gewarnt. Aber Ali Can zog dennoch los nach Dresden, Bautzen, Hoyerswerda. Der 24-jährige Student aus Gießen wollte dort die »besorgten Bürger« kennenlernen, die gegen Flüchtlinge demonstrieren und Migranten wie ihn aus Deutschland vertreiben wollen. Also ging er bewusst in sächsische Dorfkneipen, mischte sich unter Pegida-Demos, verteilte Schokolade an die Teilnehmer und kam so mit ihnen ins Gespräch. Er hörte zu, fragte nach und legte seine eigene Sicht der Dinge dar. Auch wenn er oft auf Feindseligkeit stieß, hat Can dabei erfahren, dass »diese Begegnungen ganz viel bewegen«. Danach gründete der Student der Germanistik und Ethik eine »Hotline für bedrohte Bürger«, bot sich als »Asylant Ihres Vertrauens« an, ließ die Anrufer »erst mal Dampf ablassen« und fand heraus, dass »hinter vielen Parolen strukturelle Bedürfnisse stecken«. Und jetzt hat er #Me Two gegründet – eine Twitter-Plattform, in der Tausende von Migranten von ihren Verletzungen erzählen.

Es war der Rücktritt des Nationalspielers Mesut Özil, der Ali Can auf die Idee mit dem Hashtag gebracht hat. »Solange ich erfolgreich bin, gelte ich als gut integriert«, hatte Mesut Özil seinen Schritt begründet. »Aber sobald ich einen Fehler mache, bin ich wieder der Türke.« Auch Ali Can hat das erleben müssen. Der Name des neuen Hashtags knüpft an #Me Too an, wo Frauen weltweit über sexuelle Belästigung berichteten. Jetzt müsse es eine solche Plattform auch für Migranten geben, meinte Can. Die Zahl Zwei in »Me Two« stehe dafür, dass er mehr als nur eine Identität habe. Seine kurdisch-alevitischen Eltern suchten Mitte der 1990er-Jahre Asyl in Deutschland, weil sie in ihrer Heimat verfolgt wurden. Da war Ali zwei Jahre alt. Inzwischen betreiben seine Eltern einen Döner-Imbiss in einem Dorf bei Gießen.

Ähnlich wie nun überwältigend viele Betroffene bei #Me Two berichten, wurde auch Ali als Kind oft wegen seiner Herkunft gehänselt und später von Türstehern in der Disco abgewiesen. Und obwohl er ein so feines, differenziertes Deutsch spricht, wie es viele Einheimische nicht vermögen, hat man ihn am Bahnhof von Hoyerswerda als »Scheißausländer« beschimpft und körperlich angegriffen. Doch trotz aller Verletztheit bleibt er bei seinem sanften Weg: Momentan plant er mit anderen Engagierten ein »VielRespektZentrum« in Essen. Hier soll es »Workshops und Ausbildung von

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