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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2017
Im Herzen die Freiheit
Iran: Reise in ein Land der Widersprüche
Der Inhalt:

Die Zirkuskinder von Mardin

von Anna Hellge vom 23.06.2017
Viele syrische Flüchtlingskinder in der Türkei sind traumatisiert und besuchen keine Schule. Pinar Demiral will ihnen ihre Unbeschwertheit mit Zirkustricks zurückgeben

Früh am Morgen, noch bevor die Sonne über Syrien aufgeht, füllt sich der weiße Minibus in der Altstadt des türkischen Mardin. Erst werden die Diabolos, Stelzen und bunten Jonglierkeulen eingeladen, dann klettern die jungen Künstler mit Schlaf in den Augen hinein. Sie kommen aus Damaskus, aus Homs und aus Aleppo. Aus Städten, in denen Verstecken kein Spiel mit Freunden ist, sondern Alltag.

Der Minibus kurvt die Serpentinen hinunter, lässt die Stadt hinter sich, sammelt auf dem Weg noch ein paar Mädchen ein. Die Letzten kurz vor Kiziltepe, einer Ansammlung in Windeseile hochgezogener Betonklötze, wo Schafe zwischen Schutt grasen. Kiziltepe wirkt wie ein kleines türkisches Dorf, das zu schnell erwachsen werden musste.

Den Jugendlichen im Minibus erging es ähnlich. Der Tag, als der Krieg in ihre Städte kam, war auch der Tag, an dem ihre Kindheit beendet war. Gemeinsam mit ihren Eltern ließen sie die Heimat hinter sich, brachen auf in die Türkei und kamen nach Mardin. In einen Ort, der mit Minaretten als Wachtürmen und einer Krone aus Nato-Stacheldraht aus der kargen Landschaft ragte, wie eine Festung, die ihnen für eine Weile Schutz bieten würde.

2,8 Millionen Syrer haben Zuflucht in der Türkei gefunden, darunter 700 000 Kinder im schulpflichtigen Alter – mehr als in irgendeinem anderem Land. Laut Human Rights Watch besucht mehr als die Hälfte von ihnen keine Schule. Gründe dafür gibt es viele: Die Situation der Flüchtlinge ist instabil. Oft werden Familien von den Behörden von einem Ort in den nächsten geschickt oder gleich zurück in die Heimatländer. Viele Kinder sprechen kein Türkisch, und der Lehrplan der über Nacht aus dem Boden gestampften syrischen Schulen ist mangelhaft. Dazu kommt, dass selbst die Jüngsten oft schon arbeiten gehen, um ihre Familien zu versorgen. Wer körperlich dazu in der Lage ist, muss Geld verdienen. Egal ob 8 oder 38. Dass sie heute trotzdem wieder Kind sein dürfen, haben die jungen Zirkuskünstler auch Pinar Demiral zu verdanken. Die 33-Jährige hat die Art Anywhere Association gegründet, ein soziales Zirkusprojekt, das Flüchtlingskindern Raum zur kreativen Entfaltung bietet und sie so in die türkische Gesellschaft integrieren will. An klaren Tagen wie diesem kann Pinar aus ihrem Bürofenster über die weite Ebene bis nach Syrien sehen. Früher funkelten nachts

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