Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2018
Schluss jetzt!
Chile-Skandal: Überwindet der Papst die Restauration?
Der Inhalt:

Tanzender Shiva, kosmisches Kreuz

von Hans Torwesten vom 08.06.2018
Wie ich Kreuz, Opfer und Erlösung im Spiegelbild östlicher Mystik neu entdeckte

In einem Gespräch sagte mir ein Zen-Meister, er habe überhaupt keine Probleme mit dem christlichen Kreuz: Es sei die durchgestrichene Vertikale. Die aufragende Vertikale stehe für das stolze »I« (englisch für Ich), und es sei doch eine ausgezeichnete Idee, dieses »Ich« durchzustreichen.

Mit der komplizierten Erlösungs-Theologie früherer Jahrhunderte hatte dieser Meditationslehrer natürlich nichts am Hut. Ihm ging es nur um das nackte abstrakte »Zeichen«. Und auch ich muss gestehen, dass mir die sogenannte Satisfaktionslehre, wonach Jesus für unsere Sünden gestorben sei und damit den Zorn Gottes besänftigt habe, in einer Glaubenskrise größte Schwierigkeiten bereitet hat. Zusammen mit der Erbsündenlehre, die ja meistens mit dem Kreuzestod verknüpft wird. Ich fragte mich, wie Christen in all den Jahrhunderten Gott dafür danken konnten, dass er seinen Sohn zu unserem Heil auf die grausamste Weise töten ließ, und gleichzeitig in schöner Regelmäßigkeit die Juden als »Gottesmörder« verfolgten. Waren sie schizoid? Sie hätten sich ja fragen müssen, ob die Erlösungstat Gottes gescheitert wäre, wenn es damals ein humaneres Strafrecht in Rom und Judäa gegeben hätte – so wie es die Theologin Uta Ranke-Heinemann einmal etwas spitz formulierte.

Die wahre Natur erkennen

Ich kam zu dem Schluss, dass, nüchtern betrachtet, die Menschen auch 2000 Jahre nach der Erlösungstat Christi noch immer ziemlich unerlöst herumlaufen. Sie waren und sind denselben Leidenschaften und Schwächen ausgeliefert wie zur Zeit Jesu. Am ehesten kann man sich darauf verständigen, dass der radikale Prediger von Nazareth seinen pazifistischen Grundsätzen bis in den Tod hinein treu geblieben war. Er hat Gewalt nicht mit Gewalt bekämpft. Aber erklärt dies schon, warum das Kreuz so tief in unserem Inneren verankert ist, sodass es auch heute noch, neben dem meditierenden Buddha, das häufigste religiöse Symbol auf unserem Planeten ist?

Nach meiner Glaubenskrise wandte ich mich verstärkt der Mystik des Ostens zu. Und ich erkannte: Äußerlich, aber auch innerlich geht es dort überhaupt nicht um eine Erlösungstat. Vielmehr ist es entscheidend – ähnlich wie in der Mystik Meister Eckharts –, seine wahre Natur zu verwirklichen, gleichgültig, ob man diese nun »Buddha-Natur« oder »Atman« nennt. Dieser innere Kern muss nicht erlöst, sondern nur freigeschält und

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen