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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2018
Schluss jetzt!
Chile-Skandal: Überwindet der Papst die Restauration?
Der Inhalt:

Das vatikanische Manifest

von Wolfgang Kessler vom 08.06.2018
Rund 150 Jahre nach Karl Marx rechnet Papst Franziskus mit dem globalen Finanzkapitalismus ab. Seine Rezepte sind radikal. Doch wie steht es mit kircheneigenen Banken und Einrichtungen?

Eines muss man Papst Franziskus lassen. Immer wieder mischt der Argentinier die Wirtschafts- und Finanzwelt auf, wenn sie sich gerade selbstzufrieden zurücklehnt – wie zurzeit. Denn trotz vereinzelter Warnungen vor dem Crash freuen sich Politik, Wirtschaft und Banken über hohe Zuwachsraten und steigende Steuereinnahmen. Für viele ist deshalb alles gut. Nicht für den Vatikan.

»Unsere Finanzwirtschaft ist ein Ort geworden, wo Egoismen und Missbräuche ein für die Allgemeinheit zerstörerisches Potenzial haben, das seinesgleichen sucht.« So heißt es in dem Schreiben mit dem umständlichen Titel »Oeconomicae pecuniariae quaestiones«. Auf Deutsch: »Erwägungen zu einer ethischen Unterscheidung bezüglich einiger Aspekte des gegenwärtigen Finanzwirtschaftssystems«.

Das Schreiben selbst ist viel brisanter als sein Titel. Und sein Stellenwert ist hoch. Es wurde von der päpstlichen Glaubenskongregation gemeinsam mit der für Entwicklungsfragen zuständigen Kurienbehörde erarbeitet. Deshalb wurde es auch vom obersten »Glaubenshüter«, Erzbischof Luis Ladaria, dem Nachfolger von Kardinal Gerhard Ludwig Müller, und dem ghanaischen Kardinal Peter Turkson, der im Vatikan für Entwicklungsfragen zuständig ist, gemeinsam der Presse vorgestellt. Unterzeichnet wurde es vom Papst persönlich.

Im Gegensatz zur Selbstzufriedenheit vieler Politiker, Ökonomen und auch Journalisten legt das päpstliche Dokument den Finger in die Wunde der globalen Entwicklung: »Obwohl der wirtschaftliche Wohlstand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überall auf der Welt in einem nie gekannten Ausmaß und Tempo zugenommen hat, ist die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, ungeheuer hoch.« Der Grund dafür: »Wenige beanspruchen wertvolle Ressourcen und Reichtümer für sich, ohne auf das Wohl des Großteils der Menschen weltweit zu achten.«

Besonders skandalös seien die Fehlentwicklungen in der Finanzwirtschaft. Hier bemühen die Autoren sogar den Religionskritiker Karl Marx: »Was vor mehr als einem Jahrhundert vorausgesagt wurde, hat sich leider inzwischen bewahrheitet: Der Ertrag aus dem Kapital stellt eine echte Bedrohung dar und riskiert, den Ertrag aus der Arbeit zu überrunden, der nur noch eine Randbedeutung hat.« Damit kritisieren die päpstlichen Experten eine unbestreitbare Fehlentwicklung der gegenwärtigen Finanzwirtschaft: Die Geldmenge wächst um ein Vielfaches schneller

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