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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2017
Die Tücken des fairen Handels
Im Norden boomt Fair Trade - im Süden wächst die Kritik
Der Inhalt:

Das umgeschmolzene Schwert

von Hans-Jürgen Röder vom 26.05.2017
Der Wittenberger Kirchentag 1983 gab der Vision »Schwerter zu Pflugscharen« neue Kraft

Seit dem 5. März steht auf dem Lutherhof in Wittenberg eine zwei Meter breite und knapp drei Meter hohe Stahltafel. Sie erinnert an einen Abend vor 34 Jahren, der mehr als viele andere die Bezeichnung »historisch« verdient. Denn an jenem Abend im Lutherjahr 1983 machte der Wittenberger Schmied Stefan Nau die biblische Forderung wahr: Mit Feuer, Hammer und Amboss schmiedete er ein Schwert zur Pflugschar um. Die Bilder von diesem 24. September gingen damals schnell um die Welt und verfehlten ihre Wirkung nicht – auch nicht in der DDR. Dort hatten die Evangelischen Kirchentage längst ein eigenes Gewicht. Zwar waren landesweite Christentreffen nach dem Mauerbau nicht mehr möglich, und selbst kleinere Treffen stießen regelmäßig auf Argwohn bei der SED. Das änderte sich in den 1970er-Jahren, als die DDR-Kirchen zu regionalen Kirchentagen nach Erfurt, Rostock oder Dresden einluden. Dennoch blieb jede dieser Einladungen für die kirchlich Verantwortlichen ein Wagnis, weil die Genossen bei allem, was nicht von ihnen ausging, den Staatsfeind am Werk sahen. Das war auch 1983 so, als sich Staat und Kirche daranmachten, den 500. Geburtstag von Martin Luther auf je eigene Weise zu feiern.

Schon fünf Jahre zuvor hatte kein Geringerer als Staats- und Parteichef Erich Honecker höchstpersönlich im Gespräch mit der Leitung des Evangelischen Kirchenbundes die Zusage gegeben, die kirchlichen Vorhaben zum Luthergedenken von staatlicher Seite zu unterstützen. Was immer er sich davon versprach, die Auswirkungen hat er sicher nicht gewollt. Schon kurze Zeit nach dem Treffen kam es in den Kirchen zu ersten öffentlichen Protesten gegen die zunehmende Militarisierung der DDR-Gesellschaft. Die kirchliche Jugendarbeit reagierte mit dem Vorschlag, alle Jahre im Herbst zu einer Friedensdekade einzuladen. Die Initiative fand schnell Verbreitung, und so kamen ab 1980 in zahlreichen Gemeinden Abend für Abend regelmäßig vor allem junge Menschen zum Friedensgebet und Gespräch über aktuelle Gefährdungen des Friedens zusammen. Das gemeinsame Motto dieser Dekaden war »Schwerter zu Pflugscharen«, die biblische Friedensvision aus dem Buch Micha. Sie war auch Anstoß für die Skulptur, die die Sowjetunion in den 1950er-Jahren den Vereinten Nationen geschenkt hatte. Was lag näher, als diese zum Motto des Friedensengagements der jungen Leute in der DDR zu machen.

Die Reaktion der SED ließ nicht lange

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