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kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2018
Krone der Schöpfung?
Es ist Zeit für eine Grüne Reformation
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Ich wurde verschleppt«

Hermann Lüdeking, 82, wurde als Kind von den Nazis aus Polen geraubt. Bis heute weiß er nicht, wo seine Wurzeln sind

Ich war sechs Jahre alt, als ich in einem polnischen Kinderheim Maria Lüdeking gegenüberstand, der obersten Leiterin vom Bund Deutscher Mädel in Ostwestfalen-Lippe. Sie zeigte auf mich und sagte: »Den nehme ich mit, den päppel ich wieder auf.« Von diesem Tag an war ich Hermann Lüdeking. Maria Lüdeking war meine Stiefmutter. Als ich mein neues Zuhause in Lemgo betreten habe, stand dort ein geschmückter Tannenbaum. Das war das erste Mal, dass ich einen Weihnachtsbaum gesehen habe. Vor lauter Aufregung habe ich einen Blutsturz bekommen. Wer ich eigentlich bin, wer meine Eltern sind, wo ich herkomme – all das weiß ich nicht. Ich werde es wohl nie erfahren. Ich bin eines von 250 000 Kindern, die die Nazis aus Osteuropa, aus Norwegen und Frankreich geraubt, in Heime gebracht und dann deutschen NS-Familien zur Adoption freigegeben haben. Viele wissen heute gar nicht mehr, was das war: Lebensborn. So hieß dieses Projekt der Kindesentführung. Himmler hatte sich das ausgedacht, um dem Deutschen Reich blonde, blauäugige Kinder zuzuführen.

Erst als ich in Rente gegangen bin, habe ich angefangen nachzuforschen, wo ich herkomme. Da hatte ich endlich Zeit dafür. Meine Exfrau und meine vier Kinder hat das nie interessiert, nur eine Tochter hat mich unterstützt. Ich habe mich ans Rote Kreuz gewandt, war in Polen. Stück für Stück habe ich versucht, die Puzzleteile zusammenzufügen. Aber es fehlen immer noch viele Teile. Auf meiner Geburtsurkunde steht, mein Name sei Roman Roszatowski gewesen. Aber das Rote Kreuz in Polen sagte mir, diesen Namen hätte es dort nie gegeben. Da steht auch, ich sei in Bruckau geboren worden. Also bin ich hingefahren. Ich habe das Haus