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Sozialprotokoll
»Ich wurde verschleppt«

Hermann Lüdeking, 82, wurde als Kind von den Nazis aus Polen geraubt. Bis heute weiß er nicht, wo seine Wurzeln sind
von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 13.04.2018
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Ich war sechs Jahre alt, als ich in einem polnischen Kinderheim Maria Lüdeking gegenüberstand, der obersten Leiterin vom Bund Deutscher Mädel in Ostwestfalen-Lippe. Sie zeigte auf mich und sagte: »Den nehme ich mit, den päppel ich wieder auf.« Von diesem Tag an war ich Hermann Lüdeking. Maria Lüdeking war meine Stiefmutter. Als ich mein neues Zuhause in Lemgo betreten habe, stand dort ein geschmückter Tannenbaum. Das war das erste Mal, dass ich einen Weihnachtsbaum gesehen habe. Vor lauter Aufregung habe ich einen Blutsturz bekommen. Wer ich eigentlich bin, wer meine Eltern sind, wo ich herkomme – all das weiß ich nicht. Ich werde es wohl nie erfahren. Ich bin eines von 250 000 Kindern, die die Nazis aus Osteuropa, aus Norwegen und Frankreich geraubt, in Heime gebracht und dann deutschen NS-Familien zur Adoption freigegeben haben. Viele wissen heute gar nicht mehr, was das war: Lebensborn. So hieß dieses Projekt der Kindesentführung. Himmler hatte sich das ausgedacht, um dem Deutschen Reich blonde, blauäugige Kinder zuzuführen.

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