Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2017
Was heißt Auferstehung?
Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Patrick Roth und der Theologin Margareta Gruber
Der Inhalt:

Julia darf nicht singen

Eine junge russische Rollstuhlfahrerin wird zum Spielball der Politik – und kann deshalb nicht am Eurovision Song Contest in Kiew teilnehmen

Man würde ihr so gerne einfach nur die Daumen drücken für den Auftritt auf der großen Bühne. Und ihr wünschen, dass sie den Wettbewerb gewinnt. Aber jetzt ist Julia Samojlowa in ein zynisches politisches Spiel geraten, das ihren schönen Traum zunichte macht.

Die 28-jährige Sängerin sitzt seit ihrer Kindheit im Rollstuhl. Mitte März wurde sie vom Ersten Kanal, einem staatlich kontrollierten russischen Sender, ausgewählt, ihr Land beim Eurovision Song Contest zu vertreten. Der Wettbewerb findet im Mai in Kiew statt. Aber Samojlowa wird ihren Popsong »Flame Is Burning« dort wohl nicht vortragen können. Dabei wäre sie die erste behinderte Sängerin, die das Land bei einem internationalen Wettbewerb vertreten soll. Für sie und ihren Mann und Manager Alexej Taran wäre ein Traum in Erfüllung gegangen.

Die Situation behinderter Menschen in Russland ist beklagenswert: In der Öffentlichkeit sind sie praktisch nicht präsent, U-Bahn, Busse, Straßenbahn und der gesamte öffentliche Raum sind insbesondere für Rollstuhlfahrer ohne fremde Hilfe nicht zu bewältigen. Viele verbringen den größten Teil ihres Lebens zu Hause. Erst kürzlich war es im russischen Fernsehen wegen eines behinderten Tänzers zum Eklat gekommen. Jewgenij Smirnow, der bei einem Autounfall ein Bein verloren hatte, sollte auftreten. Doch nachdem Showmasterin Renata Litwinowa ihm vor laufender Kamera geraten hatte, seinen Stumpf etwas zurückzuziehen, erklärte Smirnow, er werde nicht tanzen. Als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft werden behinderte Menschen in Russland nur selten wahrgenommen.

Schon der Lebensweg von Julia Samojlowa, die 1989 in der Kleinstadt Uchta auf der Halbinsel Komi geboren wurde, ist darum bewundernswert. Die junge Frau erzählte in einer Talentshow, ihre Querschnittslähmung sei auf eine fehlerhafte Impfung gegen Kinderlähmung zurückzuführen. Tatsächlich leidet sie an fortschreitendem Muskelschwund. Seit ihrer Kindheit sitzt sie im Rollstuhl. Erst im Herbst 2016 musste sie sich in Finnland einer schwierigen Wirbelsäulenoperation unterziehen, um ihrem Körper eine gewisse Bewegungsfreiheit zu erhalten. 2010 schloss Julia ein Fernstudium im Fach Psychologie ab. Und arbeitete danach, von ihren Eltern unterstützt, an einer Gesangskarriere. Sie versuchte sich in einer Rockband, aber der Durchbruch kam mit einem Popsong im russischen Fernseh

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen