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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2016
Gott suchen in Auschwitz?
Eine Begegnung mit Überlebenden
Der Inhalt:

KOLUMNE Von Fabian Vogt: Licht am Horizont

vom 11.03.2016

»Bist du bescheuert?«, fragte mich meine Frau. »Jetzt, wo es endlich wieder heller wird, willst du Urlaub in der Dunkelheit machen? Wie dämlich ist das denn? Kein Mensch fährt im Winter nach Nordnorwegen. Verstehst du: Ich will Licht. Mehr Licht!«

»Äh, nun«, stotterte ich kleinlaut, »genau darum geht es ja: um Licht. Ich möchte so gerne mal das Nordlicht sehen. Aurora borealis. Und dieses Jahr ist es besonders intensiv. Bis weit in den März hinein. Stell dir vor: Der Himmel leuchtet in allen Farben. Das soll großartig aussehen. Außerdem: Es gibt da ein Last-Minute-Angebot. Flug und Hotel in Tromsø.«

»Tromsø? Ich will nicht nach Tromsø. Ich will Wärme und Sonne. Äh … hey! Lass das, das ist nicht fair, das ist überhaupt nicht fair …« Ich hatte angefangen, zärtlich ihren Rücken zu streicheln. Weil das fast immer hilft, sie gnädig zu stimmen. Nach zehn Minuten wohligen Genießens senkte sie schicksalsergeben den Blick: »Okay, dann fliegen wir eben in die Eiseskälte. Zum letzten Außenposten der Zivilisation. In das erbarmungslose Reich der Trübsal.«

Ruckartig richtete sie sich auf: »Aber wehe, es taucht kein Nordlicht auf. Dann kannst du was erleben.« So entspannt bin ich noch nie in den Urlaub gefahren.

Der Flug von Oslo nach Tromsø dauert lange. Deutlich länger als der Flug von Frankfurt nach Oslo. So ausufernd dehnt sich Norwegen Richtung Nordpol. Nun war ich zum Erfolg verdammt. Ich musste das Nordlicht finden. Um jeden Preis.

Zum Glück gibt es aber in Tromsø Dutzende von »Aurora-Jägern«, die sogar mit »Geld-zurück«-Garantie locken, falls sich der Himmel verweigert. Ich entschied mich für eine Katamaran-Tour in den Fjord. Dorthin, wo er am dunkelsten ist. Mit dazugehörigem Fisch-Menü. Allerdings dämpfte die Reiseleiterin unsere Erwartungen schon bei der Ausfahrt: »Man weiß nie. Manchmal ist das Nordlicht da. Manchmal tagelang nicht.« Meine Frau starrte mich an, als hätte sie Gefrierbrand in den Augen.

Doch plötzlich – als sie gerade eine spöttische Tirade loslassen wollte – verschlug es ihr die Stimme. Über uns fing nämlich der Himmel an zu brennen. Grün. Rot. Gelb. Leuchtende Schlieren zogen über den Horizont. Majestätisch. Und wahrhaft atemberaubend.

Vor allem aber – das hatten uns die Bilder vorher nicht verraten: Das Nordlicht

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