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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2012
Ich glaube
Der Konflikt um das Bekenntnis der Christen
Der Inhalt:

Das gewandelte Wir

von Henning Olschowsky vom 04.05.2012
Heute dominiert das kritische Ich-Bewusstsein. Doch es wächst auch die Verbundenheit mit anderen Menschen und die Anerkennung unterschiedlicher Glaubensbilder

Bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts wurde unser gesellschaftliches Umfeld durch die Dominanz des Wir-Bewusstseins geprägt. Das Hineingeborenwerden in eine bestimmte Familie, Konfession, ein konkretes soziales Milieu bestimmte weitgehend die biografische Entwicklung eines Menschen. Der Sohn eines Bäckers wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls Bäcker, um später das elterliche Geschäft weiterzuführen. Die Tradition setzte nicht nur Eckpunkte für Beruf, Konfessionszugehörigkeit und entsprechende Partnerwahl, sondern bot zugleich einen in sich geschlossenen Werte-, Glaubens- und Sinnkosmos, der dem Einzelnen Lebensorientierung bot. Diese festen traditionellen Strukturen des Wir-Bewusstseins, in welche die Einzelbiografien eingebettet werden, sind seit Langem in Auflösung begriffen.

Dieser Prozess ist auf entwicklungspsychologischer Ebene vergleichbar mit der Individuation von Jugendlichen. Um eine eigene Identität, ein eigenes Ich-Bewusstsein entwickeln zu können, ist die Abnabelung vom Elternhaus und eine damit verbundene kritische Auseinandersetzung mit den überkommenen Werten und Weltbildern wichtig. Diese Phase der Pubertät ist die notwendige Übergangsstufe zur Entwicklung einer reifen Persönlichkeit.

Auf gesellschaftlicher Ebene befinden wir uns derzeit auf dieser Entwicklungsstufe. Das heißt: Das Ich-Bewusstsein hat eine gesellschaftsprägende Dominanz. Die Idealisierung von Jugendlichkeit, Selbstverwirklichung und Individualität bis hin zu den verschiedenen Emanzipationsbewegungen unserer Tage sind ein Spiegel dieser Entwicklung. Sie enthält ein großes Potenzial an spielerischer Kreativität, Experimentierfreude, Risikobereitschaft und Flexibilität. Die ideelle Freiheit und Chance, das eigene Leben selbst gestalten und entwickeln zu können, birgt zugleich die Last, sich ständig neu erfinden zu müssen.

Der gesellschaftsbeherrschende Handlungsmodus des Wählen-Dürfens zwischen verschiedenen Möglichkeiten – von der Fernbedienung über den Supermarkt bis zu Lebensplanung, Weltanschauung oder Religion – wird allerdings für viele zum selbstüberfordernden Zwang des Sich-Entscheiden-Müssens.

Weil sich ein verbindlicher Werte-, Glaubens- und Sinnkosmos derzeit auflöst, erscheinen alle Angebote und Antworten auf dem »religiösen Erlebnismarkt« als relativ und austauschbar. Persönliche religiöse Sinnkonstruktionen werden – der individual

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