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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2018
Publik-Forum Ausgabe 2/2018: 1968. Ein irres Jahr
Der Inhalt:

Jesus, der Vaterzweifler

vom 26.01.2018
Noch einmal Stimmen zum Vaterunser – aus therapeutischer Sicht

Mein Vater gehörte zur Generation der Kriegsversehrten. Er sprach nur wenig über den Krieg und über sich. Er blieb mir in vielen Facetten seines Lebens ein Rätsel. Die Beziehung meiner Generation zu ihren Eltern war immer auch von Distanz geprägt. Aus soziologischen Studien wissen wir, dass die Eltern-Kind-Beziehung heute weitgehend befriedet ist. Zu den Eltern hat man meist sehr gute Beziehungen. Manchmal aber kippt das Beziehungsgefüge: Helikopter-Eltern kennen keine Distanz zu ihrem Kind, sie überschütten es mit gnadenloser Kontrolle und Liebe.

Mich verwundert, dass bei der Diskussion um die sechste Vaterunser-Bitte das Beziehungsverhältnis zwischen Jesus und seinem Vater kaum ausführlicher thematisiert wird. Denn gerade in ihrer Vieldeutigkeit und Anstößigkeit birgt diese Bitte ein großes spirituelles und theologisches Potenzial. Die Jünger Jesu bitten um eine Blaupause fürs Beten, und Jesus formuliert, wie er mit seinem Vater in Beziehung tritt: als ein Mensch, der sich von seinem Vater einiges erwartet – deshalb überwiegt die Form des Bittens. Und die sechste Bitte hat es tatsächlich in sich: In ihr wird auch Verunsicherung deutlich. Wie ein Kind, das sich der Gedanken und Verhaltensweisen des Vaters nicht völlig sicher ist, formuliert Jesus sein »Bitte, Papa!« Führt ihn sein Vater aktiv in eine Versuchung? Oder mischt er sich einfach nur nicht ein? Und würde sich der Sohn nicht eine deutlichere Aktivität des Vaters wünschen? Der Möglichkeitsraum bleibt schillernd und verdeutlicht so ein durchaus ambivalentes Vater-Sohn-Verhältnis. Dies erweist sich durchaus als konsistent zu anderen Anfragen Jesu: Er hofft am Ölberg, dass der Kelch an ihm vorübergeht, unterstellt sich aber dem Willen des Vaters. Und er beklagt am Kreuz die Vaterferne: »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?« – bei Matthäus und Markus sind das die letzten Jesusworte.

Man darf das Gottesbild Jesu (und auch unser eigenes!) nicht auf einen heimeligen Weichspüler-Gott reduzieren. Gott ist kein Helikopter-Vater, der in allen Lebenssituationen eingreift. Und Jesus, sein Sohn, ist nicht nur wahrer Gott, sondern auch wahrer Mensch, der psychisch absolut stimmig nicht nur Nähe, sondern auch Distanz zu seinem Vater spürt: Er ist auch ein Vater- und Gotteszweifler. Eine Blaupause für uns: So dürfen die Jünger und wir beten.

Hans Mendl, Professor

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