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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2018
Publik-Forum Ausgabe 2/2018: 1968. Ein irres Jahr
Der Inhalt:

Morbus Jona

von Fabian Vogt vom 26.01.2018
Nur nicht das Wohlwollen der Wähler verlieren! Diese Angst trieb schon biblische Propheten um. Auch Politiker sind schnell infiziert. Zeit für eine kleine Theologie der Großen Koalition! Meine Diagnose: Deutschland hat Morbus Jona

Da überträgt man Parteien Verantwortung – und was ist? Sie zieren sich. Wollen nicht so recht. Zögern. Verhandeln endlos lang. Werfen ständig neue, noch kräftigere Bedenken in den Ring. Und erwecken dabei die ganze Zeit den Eindruck, als wäre Pflichtbewusstsein etwas Sondierbares und vor allem höchst Kompliziertes.

Aber um ehrlich zu sein: Das war schon bei den Propheten des Alten Testaments ganz ähnlich. Was haben die sich angestellt, als es darum ging, Verantwortung zu übernehmen! Jeremia behauptet bei seiner Berufung rotzfrech, er wäre noch zu jung; Moses verweist auf sein mangelndes rhetorisches Talent, Amos hält sich als gelernter Hirte für völlig unterqualifiziert; Gideon zweifelt die Präsenz Gottes gleich grundsätzlich an – und es scheint, als gehöre die Scheu vor dem Amt seit jeher zum guten Ton.

Nun sind unsere Politiker nicht unbedingt erwählt, aber immerhin gewählt. Und anders als die biblischen Propheten haben sich die seit Wochen herumeiernden Volksvertreter auf ihr Amt ja beworben: »Hallo, ihr Politiker, ihr wolltet diesen Job! Also kommt bitte in die Puschen! Das kann doch so schwer nicht sein.« Allerdings wäre es gelegentlich regelrecht erlösend, wenn unsere gewählten Parteilinge in prophetischer Tradition auch mal ihre eigenen Fähigkeiten infrage stellen würden.

Trotzdem wird man bei all dem Gerangel und allen offensichtlichen Unterschieden zu biblischen »Visionären« das Gefühl nicht los, dass sich einige Politiker zurzeit mit einer Art »Morbus Jona« infiziert haben.

Sie erinnern sich: Jona war der Prophet, der der Stadt Ninive in Gottes Namen vermitteln sollte, dass es so auf keinen Fall weitergeht: »Jona, mach dich auf!« Und was passiert? Jona macht sich auf. Aber nicht in Richtung Ninive, sondern aus dem Staub. Hat keine Lust. »Verantwortung? Nicht mit mir!«

Und nun kommt die eigentliche Frage: Warum nicht? Warum rennt dieser tranige Prophet vor der ihm anvertrauten Rolle davon? Ganz einfach: aus Angst. Weil er ahnt, dass er der Bevölkerung in Ninive äußerst herausfordernde Botschaften zu übermitteln hat. Und weil er ahnt, wie wenig das Geschehen in seiner Hand ist. Schließlich kann es jederzeit passieren, dass Gott sich den Ninivesen gegenüber doch als gnädig erweist.

Nun ist aber Angst schon immer ein schlechter R

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