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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2018
Publik-Forum Ausgabe 2/2018: 1968. Ein irres Jahr
Der Inhalt:

Kaliningrads letzte Protestanten

Sorgenfalten statt Jubelstimmung: Wie die Protestanten in der russischen Exklave das Reformationsjubiläum feierten

Klein, aber fein: Die Blechbläser sind nur zu viert, spielen ihre Solostücke aber brillant. Und doch kommen sie mit den Gottesdienstbesuchern in der Kaliningrader Auferstehungskirche nicht ganz auf eine Wellenlänge. Bei den bekannten Liedern und Chorälen zum Mitsingen gelingt es dem Quartett nicht, die Gemeinde mitzureißen. Die vier Musiker, so wird sich später herausstellen, sind nur für diesen Gottesdienst engagiert und haben mit der evangelischen Kirche eigentlich gar nichts zu tun. Die beiden jüngeren studieren, die beiden älteren sind Berufsmusiker in einem Militärorchester, der eine orthodoxer Christ, der andere Muslim.

Die evangelischen Christen in der Propstei Kaliningrad feiern an diesem Samstag Kirchentag. Wie bei den Schwestern und Brüdern in Deutschland steht er ganz im Zeichen des Reformationsjubiläums. Nur wird nicht über Wochen und Monate mit Zehntausenden Besuchern gefeiert, sondern an einem einzigen Tag. Das Programm: Gottesdienst, Mittagessen, Vortrag, Chorkonzert, Kaffeetrinken. Gekommen sind etwa hundert Besucher, immerhin ein Fünftel aller Gemeindemitglieder.

Eingeladen sind auch offizielle Gäste, die im Gottesdienst ein Grußwort sprechen, unter ihnen Wiktor Hoffmann, Leiter des Deutsch-Russischen Hauses. Die 1993 eröffnete Begegnungsstätte musste Anfang 2017 schließen. Russische Behörden verdächtigen die Einrichtung, ausländischer Agent zu sein. Kaum ist Hoffmann vom Rednerpult zurück an seinem Platz, steht spontan eine Frau auf und wendet sich an den Propst. Wie es um die Zukunft der evangelischen Gemeinden steht, will sie wissen. Ob ihnen dasselbe Schicksal blühe wie dem Deutsch-Russischen Haus?

Die Frage ist berechtigt. Denn