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Mietmensch in Japan

Im Kinofilm »Rental Family« mimt ein amerikanischer Schauspieler den abwesenden Vater oder simuliert einen Bräutigam – und verliert dabei völlig die nötige Distanz für seinen Job.Großer weißer Papabär: Phillip (Brendan Fraser) mit »Tochter« Mia (Shannon Mahina Gorman) in Rental Family. Für die Bewerbung an einer Nobelschule soll eine intakte Familie vorgegaukelt werden.
von Birgit Roschy vom 13.01.2026
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(Foto: © 2025 Searchlight Pictures via Filmstarts.de)
(Foto: © 2025 Searchlight Pictures via Filmstarts.de)

Kino. Der amerikanische Schauspieler Phillip hat es in seiner Wahlheimat Tokio nicht sehr weit gebracht, sieht man von einer kultigen Zahnpastawerbung ab. So lässt er sich, anfangs zögerlich, von einer Agentur anheuern, die einen moralisch eher fragwürdigen Service anbietet. Phillip soll im Auftrag der Klienten als »Quotenweißer« einen Angehörigen oder Freund mimen, etwa um intaktes Familienleben vorzutäuschen oder um Einsamkeit zu lindern. Was verstörend anmutet, ist in Japan tatsächlich ein existierendes Geschäftsmodell, das auch Regisseur Werner Herzog filmisch beleuchtet hat. In dieser Tragikomödie werden die Spielarten und Unfälle des Mietmenschen-Geschäfts durchdekliniert. So übernimmt Phillip zum Beispiel die Rolle des US-Bräutigams einer jungen Japanerin, die in Wirklichkeit mit einer Frau liiert ist. Mit der fingierten Heiratszeremonie soll für ihre Familie der äußere Anschein gewahrt werden. Einmal verkörpert er einen Journalisten, der einem leicht dementen Starschauspieler seine Memoiren entlockt. Ein anders Mal mimt er im Auftrag einer Mutter den wieder aufgetauchten Vater ihrer kleinen Tochter. Brendan Fraser verleiht Phillip die Züge eines gutmütigen Riesen. Quasi unweigerlich verliert der bezahlte Lückenbüßer bei diesem So-tun-als-ob die nötige emotionale Distanz. Er steckt seine »Langnase« zu tief in familiäre Probleme und verstößt gegen ungeschriebene Gesetze einer Kultur, deren Feinheiten er, so Phillips Erkenntnis, auch in 100 Jahren nicht durchschauen könnte. So dezent die Inszenierung ist, so reuelos gefühlsselig ist sie auch. Zugleich darf man sie als zärtliche Charakterstudie und Liebeserklärung an Japan sehen. Und als eine melancholische Erinnerung daran, wie groß die Einsamkeit ist und wie wichtig zwischenmenschliche Beziehungen sind.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 1/2026 vom 16.01.2026, Seite 55
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