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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2019
Revolution
Die Welt ist in der Krise. Ein Umbruch ist nötig. Nur welcher?
Der Inhalt:

Gott und Welt im Werden

von Hartmut Meesmann vom 11.01.2019
Weder allmächtig noch unveränderlich – wie die Prozesstheologie die Gottesfrage neu belebt

Die am stärksten wachsende Glaubensgemeinschaft ist die der Nichtglaubenden, zumindest in Europa. Aber auch viele Gläubige, die – mehr oder weniger christlich geprägt – die Existenz eines Gottes nicht ausschließen wollen, suchen nach einem zeitgemäßen Gottesbild, weil traditionelle Vorstellungen von einem eingreifenden oder gar vorherbestimmenden Gott nicht mit ihrer Welt- und Glaubenserfahrung in Einklang zu bringen sind. Sie fragen: Was, wenn Gott zum Beispiel nicht allmächtig ist? Auch nicht allwissend? Wenn er sich verändert, weil auch für ihn die Zukunft offen ist? Eine Denkrichtung, die sich »Prozesstheologie« nennt, wirbt für ein solches Gottesbild. Es unterscheidet sich deutlich vom traditionellen, nach dem Gott als höchstes und absolutes Wesen allmächtig und allwissend ist und daher keiner Veränderung bedarf.

Godehard Brüntrup lehrt als Professor an der Münchner Hochschule für Philosophie. Der Jesuit hat sich intensiv mit der Prozessphilosophie beschäftigt und auch mit der Prozesstheologie, die auf dieser Philosophie aufbaut. Drei Gründe sind es, die für ihn die Prozesstheologie interessant machen: Sie nimmt das Freiheitsstreben des Menschen ernst. Sie geht von der grundlegenden Fähigkeit der Natur zur Selbstorganisation aus. Und sie liefert eine schlüssige Antwort auf das Problem des Leidens und des Bösen in der Welt.

Es war der britische Mathematiker, Physiker und Philosoph Alfred N. Whitehead (1861-1947), der in seinem Hauptwerk »Prozess und Realität« eine prozessphilosophische Sicht der Welt entwickelte. Mit seinem Denkansatz überwindet er den Gegensatz zwischen Geist und Materie, der seit der Philosophie des Franzosen René Descartes (1596-1650) das Denken der Moderne geprägt hat. Für Brüntrup gehört dieses Buch zu den zwanzig bedeutendsten Werken der Philosophiegeschichte.

Die Natur, ein ständiges Werden

Aus heutiger naturwissenschaftlicher Perspektive ist die Natur vor allem eines: Interaktion. Die Physik fragt nicht mehr nach dem (statischen) Wesen der Dinge, nach ihrer Substanz. Für sie sind Ereignisse und Dinge vielmehr durch Relationen und Beziehungen zu anderen Ereignissen und Dingen bestimmt. Dennoch handle es sich hier nicht um rein mechanische Abläufe, sondern um Weichenstellungen, die mit spezifischen (Vor-)Formen von »Subjektivität, Empfindungsvermögen, Erinnerungsfähigkeit« z

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