Weg mit dem Ehegattensplitting?
Thomas Gesterkamp: »Ja, denn es belohnt traditionelle Rollen«
Die wichtigsten Wirtschaftsforschungsinstitute haben es der Bundesregierung in einer umfangreichen Studie gerade wieder bescheinigt: Das Ehegattensplitting, so das deutliche Urteil der Wissenschaftler, sei »ziemlich unwirksam« – wenn es darum geht, Familien zu fördern.
Das Splitting war im Kern nie eine familienpolitische Leistung, sondern eine Subvention der traditionellen Aufgabenteilung zwischen den Geschlechtern. Und es war stets ein Instrument, das Frauen vom Arbeitsmarkt fernhalten sollte. Als die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg weibliche Arbeitskräfte in den Waffenfabriken brauchten, schafften sie den Steuervorteil daher kurzerhand ab. Die Adenauer-Regierung führte ihn in den 1950er-Jahren wieder ein – und sorgte so für (männliche) Vollbeschäftigung.
Ist so mancher Facharbeiter bis heute stolz, dass seine Frau »nicht arbeiten zu gehen braucht«, so findet sich in bürgerlich-linksliberalen Kreisen eher der Widerspruch zwischen emanzipierten Wünschen und gelebtem Zuverdienermodell. Weil in beiden Milieus jede Veränderung als Gehaltskürzung wahrgenommen würde, hält sich die Politik zurück. Selbst die Grünen rücken jetzt von alten Forderungen ab.
Doch das Splitting ist ungerecht: Alleinerziehende profitieren nicht davon. Wenn Ehepartner ungefähr gleich gut verdienen, gibt es für sie ebenfalls keinen Steuernachlass – erwerbsorientierte Mütter und familiär aktive Väter werden nicht belohnt. Die »Wahlfreiheit« zwischen Beruf und Familie war schon immer Ideologie, von zwanglosen Entscheidungen konnte nie die Rede sein. Egalitär orientierte Rollenexperimente werden seit Jahrzehnten bestraft. Das Ehegattensplitting gehört deshalb abgeschafft.
Andrea Teupke: »Nein, denn der Staat soll Ehen schützen«
Gleichheit ist etwas Schönes und Wichtiges, keine Frage. Gerecht wäre es, wenn Männer so viel Familienarbeit leisten würden wie Frauen und wenn Frauen so viel verdienen würden wie Männer. Es gibt zunehmend mehr Ehepaare, die eine solche Aufteilung hinbekommen, wohingegen die klassische Hausfrauenehe ein Auslaufmodell zu scheint: Nur die wenigsten jungen Frauen können sich heute noch ein Leben ohne Berufstätigkeit vorstellen. Auch wenn sie Kinder bekommen, setzen sie in der Regel mittlerweile meist nur kurz aus, während die Väter gleichzeitig einen immer größeren Anteil der Familienarbeit übernehmen. Und das ist auch gut so.
Doch wenn Paare – aus welchen Gründen auch immer – anders leben als dieses Gleichheitsideal es vorsieht, darf der Staat sie dafür nicht bestrafen. Genau das wäre jedoch die Abschaffung des Ehegattensplittings: Eine Bestrafung derjenigen Paare, bei denen ein Partner mehr verdient als der andere. Sie müssten mehr Steuern zahlen als andere Ehepaare, die dasselbe Einkommen haben, aber es anders – »gleicher« – erwirtschaften. Was bitte soll daran gerecht sein?
Betroffen wären davon übrigens auch Familien, in denen die Frau mehr verdient als der Mann: Weil er noch studiert, die Kinder versorgt, sich um die demente Mutter kümmert, als Musiker oder Künstler wenig verdient oder was der Gründe mehr sein mögen.
Gleichheit ist schön, keine Frage. Das Leben ist aber nicht immer so planbar, wie die Gleichheitsapologeten das gerne hätten. Lebensläufe können Brüche haben, Kinder können krank und Eltern pflegebedürftig werden. Ehe bedeutet: Auch solche Belastungen gemeinsam zu schultern. Wie die Paare das untereinander aufteilen, darf der Staat ihnen getrost selbst überlassen.
Andrea Teupke, Jahrgang 1963, hat drei Kinder und war immer berufstätig. Als Redakteurin bei Publik-Forum war sie lange für die Themen Bildung und Familie verantwortlich.
