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Nein zum »roten Kaiser«

Die Demokratiebewegung in Hongkong führen Mitglieder christlicher Kirchen an. Wer sie sind und welche Rolle die Kirchen in der chinesischen Großstadt spielen, erklärt der Theologe Tobias Brandner. Er arbeitet seit 16 Jahren als Gefängnisseelsorger in Hongkong
von Thomas Seiterich vom 03.11.2014
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Aufgespannte Schirme als Zeichen für Gewaltfreiheit: Joshua Wong (linkes Bild in der Mitte) leitet die Protestbewegung für Demokratie und Freiheit in Hongkong. Der 17-Jährige stammt aus einer evangelischen Familie, berichtet der Schweizer Theologe Tobias Brandner (rechtes Bild),  Er ist seit 16 Jahren Gefängnisseelsorger in Hongkong (Fotos: pa/Wostok Press; Basler Mission/Hauser)
Aufgespannte Schirme als Zeichen für Gewaltfreiheit: Joshua Wong (linkes Bild in der Mitte) leitet die Protestbewegung für Demokratie und Freiheit in Hongkong. Der 17-Jährige stammt aus einer evangelischen Familie, berichtet der Schweizer Theologe Tobias Brandner (rechtes Bild), Er ist seit 16 Jahren Gefängnisseelsorger in Hongkong (Fotos: pa/Wostok Press; Basler Mission/Hauser)

Publik-Forum: Der prominente 17-jährige Anführer der demokratischen Studentenproteste in Hongkong trägt den biblischen Vornamen Joshua. Ein Christ? Welche Rolle spielen Christen im Protest gegen die chinahörige Regierung in der 7,5-Millionen-Stadt?

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Tobias Brandner: Joshua Wong, der weltbekannt gewordene Sprecher der jungen, studentischen Protestbewegung, stammt aus einer evangelischen Familie. Ich habe heute mit seinem Gemeindepfarrer gesprochen und der bestätigt, dass Wong ein engagierter Gemeindechrist und in seiner Kirche verwurzelt und aktiv ist. Natürlich sind nicht alle Protestierenden Christen; bilden die Christen aller Konfessionen in Hongkong doch nur eine Minderheit von weniger als einem Fünftel aller Bürger. Doch in der gewaltfreien Demokratiebewegung spielen Christen eine entscheidende Rolle. Beim »Erwachsenen«-Bürgerprotest, der »Occupy-Central-Bewegung«, in der sich Nichtstudierende engagieren, kommen die die drei öffentlichen Anführer aus Kirchen.

Spielt die Religion beim Aufbegehren gegen den Druck durch China eine Rolle?

Brandner: Sie bildet einen Faktor unter mehreren. Der christliche Glaube geht ja fundamental davon aus, dass alle Menschen Gottes Kinder wie auch Sünder sind, die der Umkehr und Vergebung bedürfen. Die diesem Glauben innewohnende Vorstellung von der Gleichheit aller Menschen macht die Christen immun gegen die gottähnliche Verehrung, die den Chefs der Kommunistischen Partei Chinas von nichtreligiösen Chinesen entgegengebracht wird. Unzählige betrachten den aktuellen Parteichef Xi Jin Ping als »roten Kaiser«. In China wirkt der biblische Gleichheitsgedanke subversiv. Diesen Gleichheitsgedanken tragen die Christen in die Proteste. Wobei man realistischerweise festhalten muss, dass die Kirchen in Hongkong, wie auch die übrigen religiösen Gemeinschaften, in Befürworter und Gegner der Demokratiebewegung gespalten sind.

Alle Kirchen in Hongkong sind Minderheitskirchen in einer nichtchristlichen Gesellschaft. Solche Kleinkirchen gelten zumeist als konservativ.

Brandner: Gewiss sind zahlreiche Kirchen und Gemeinden theologisch konservativ. Dessen ungeachtet gilt jedoch für die Christen, dass sie tendenziell furchtlos sind. Sie sind in der Gesellschaft Hongkongs bekannt für ihre Bereitschaft, sich eher für Werte wie Gleichheit, Gerechtigkeit und Demokratie einzusetzen.

Was für Persönlichkeiten sind die Anführer der Protestbewegung?

Brandner: Chu Yiu Ming ist ein baptistischer Pfarrer, seine Gemeinde liegt im Stadtteil Chai Wan. Die Baptisten bilden eine der größten Kirchen. Ihre Gemeinden weisen theologisch und politisch sehr unterschiedliche Profile auf. Tai Yiu Ting lehrt an der Hongkong University Recht und Chang Kin Man ist mein Kollege, er lehrt Soziologie an der Chinese University.

Und Joshua Wong, der Sprecher der Jugend-Demokratiebewegung?

Brandner: Er stammt aus einer Gemeinde meiner Basler Mission. Sie ist theologisch konservativ. Es ist bemerkenswert, dass die gegenwärtige Demokratiebewegung in Hongkong zu erheblichen Teilen aus bekenntnisfreudigen evangelikalen Kreisen erwächst.

Wie sieht die kirchliche Szene in Hongkong und in China aus?

Brandner: Die evangelische Kirchenlandschaft in Hongkong besteht aus ökumenisch orientierten, theologisch eher progressiven Kirchen, aus evangelikalen Kirchen und aus charismatisch-pfingstlichen Kirchen, die jedoch untereinander gute Beziehungen haben. Insgesamt ist das Christentum in Hongkong, vor allem was Themen der Individualmoral betrifft, wertkonservativ. Alles in allem zählen etwa 15 Prozent der Menschen in Hongkong zu einer der evangelischen Kirchen oder zur katholischen Kirche. Dies ist ein weit größerer Anteil als in China. Dort gehen die Schätzungen über die Zahl der Christen weit auseinander. Ich rechne mit etwa fünf Prozent Christen in der Volksrepublik. Das ist, gemessen an der Bevölkerungszahl von rund 1,3 Milliarden Chinesen, eine sehr große Zahl von rund 65 Millionen Christen. Diese bilden sehr lebendige Bewegungen in ihren Kirchen. Für diese chinesischen Christen ist das kirchliche Bekenntnis kein beiläufiger, sondern ein sehr zentraler Bestandteil ihrer Identität. Es sind bekenntnisstarke, missionarische Christen, die häufig seit Generationen im kommunistischen Gegenwind überlebten und wegen ihres Glaubens viel ausgehalten haben.

Welche Rolle spielt der 82-jährige Salesianerpater und Kardinal Joseph Zen Ze-Kiung beim Demokratieprotest in Hongkong?

Brandner: Kardinal Zen ist die Ikone der demokratischen Bewegung, seit Langem. Ein sehr authentischer Mann, politisch außerordentlich wirkungsvoll. Zen ist die lauteste demokratische Stimme in der katholischen Kirche. Er zieht seine Sache ohne diplomatische Umwege durch und wartet nicht auf die kirchlichen Bedenkenträger. Er ist ungeachtet seines hohen Alters sehr fit und feurig im Kampf für die Menschenrechte und die Demokratie. Ich kenne ihn aus dem Gefängnis. Während der vielen Jahren, in denen ich als Gefangenenseelsorger arbeitete, traf ich ihn immer wieder, denn er kam regelmäßig, um im kleinen Kreis die Eucharistie zu feiern und einzelne Häftlinge zu besuchen. Hongkong ist eine Gesellschaft, in der die Mächtigen – auch in den Kirchen – ihren Status gerne öffentlich zeigen. Ganz anders dieser außerordentlich bescheidene Kardinal. Zen kam ohne Begleiter, mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Kein Bischofsstab, nur eine Aktentasche. Politisch gilt Zen als demokratischer Hardliner. Er spielt eine wichtige Rolle in der China-Politik des Vatikans, weil er kompromisslos für die Untergrundkirche eintritt, die in China verfolgt wird.

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Personalaudioinformationstext:   Tobias Brandner, geboren 1965, ist reformierter Theologe aus der Schweiz. Er ist seit 16 Jahren Gefängnisseelsorger in Hongkong. Jetzt arbeitet er hauptamtlich als Theologieprofessor an der dortigen Chinese University und ist weiterhin nebenamtlich Gefangenenseelsorger. Brandner ist »Ökumenischer Mitarbeiter« der »Basler Mission 21«. In Hongkong engagiert er sich in der Tsung Tsin Mission Church.
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