Einheit mit Muslimen
Seyran Ates ist Anwältin, sie lebt in Berlin. Mit sechs Jahren kam sie nach Deutschland. Ihr türkisch-kurdisches Elternhaus verließ sie mit 17, begann nach der Schule ein Jurastudium, das sie sich selbst finanzierte. Sie beriet Frauen und Mädchen, die häusliche Gewalt erlebten, und half ihnen, so gut es ging, sich von ihrem Umfeld zu emanzipieren.
Als Ates Anfang zwanzig ist, erschießt ein Mann eine ihrer Klientinnen während der Beratung; sie selbst wird lebensgefährlich verletzt. Auch später in ihrem Leben gibt es Zeiten, in denen sie nicht arbeiten kann. 2006 gibt sie vorübergehend ihre anwaltliche Zulassung zurück, weil sie fortwährend bedroht wird. Es sind nicht nur, aber vor allem Muslime, die ihr das antun. Sie ist selbstbewusst und kämpferisch, sie gibt nicht klein bei. Vielen ist sie ein Dorn im Auge. Für andere ist sie die Rettung. Sie beginnt, wieder als Anwältin zu arbeiten, schreibt Bücher, sitzt in Talkshows. Als Wolfgang Schäuble 2006 die Deutsche Islamkonferenz ins Leben ruft, wird sie berufen, an der Konferenz teilzunehmen. Sie gehört zur Gruppe der sogenannten »nicht-organisierten Muslime« in der Konferenz. Das heißt: Sie steht nicht für einen der mächtigen muslimischen Verbände, sondern für sich selbst. Man will ihre Meinung hören. Sie ist Feministin. Gläubige Muslimin. Eine Frau, die beruflich viel Erfahrung hat – mit gelingender und misslingender Integration.
Einige Jahre später sitzt sie nicht mehr in der Islamkonferenz. Zunächst hat sie ihren Platz freigemacht, weil andere sogenannte nicht-organisierte Muslime auch mal dran sein sollten. Das Rotationsprinzip gefiel ihr.
Was ihr nicht gefällt, ist die Tatsache, dass nur wenige Jahre später überhaupt keine Einzelpersonen mehr in der Konferenz sitzen. Die Verbände haben die totale Meinungshoheit auf muslimischer Seite gewonnen. Die Entwicklung hin zur »Islamkonferenz der Verbände«, wie sie das nennt, hätte ein Innenminister verhindern können. Doch nachdem Wolfgang Schäuble zuerst durch Hans-Peter Friedrich, dann durch Thomas de Maizière abgelöst wurde, hatten die Verbände mehr Einfluss. Von Beginn an, erzählt Seyran Ates, hätten die Verbandsvertreter »jedesmal damit gedroht, dass sie nicht mehr kommen. Das haben die vom ersten Tag an gemacht, als Necla Kelek und ich da Platz genommen haben. Da wurde sofort die Personal-Frage gestellt: Wieso sitzen die überhaupt hier? Diese Frage haben sie hinter verschlossenen Türen immer wieder gestellt, und waren damit am Ende erfolgreich. Die Innenminister haben sich dem unterworfen. Herr de Maizière sagt heute: Wer bin ich, dass ich mir anmaße, die Einzelpersonen zu bestimmen? Aber das ist eine reine Schutzbehauptung.«
Die Islamkonferenz feierte jüngst ihren zehnten Geburtstag. Sie hat viel erreicht, ist unter anderem dafür verantwortlich, dass es an vielen Schulen in Deutschland islamischen Religionsunterricht geben kann, dass an den Hochschulen islamische Theologie wissenschaftlich und weitgehend frei von Glaubenswächtern gelehrt wird, dass Frauenförderung in Deutschland Musliminnen erreicht. Doch was in vielen heftigen Sitzungen erkämpft wurde, könnte in Gefahr geraten. Dass die Verbände nun allein mit dem Innenminister beraten, Einzelpersonen nur noch ab und an als Referenten und Berater hinzugezogen werden (und nur dann, wenn die Verbände es wollen), zeigt einerseits, wie etabliert die Muslime im Politikbetrieb sind. Andererseits lässt sich die »personelle Bereinigung« auch als Signal der Resignation vor der Macht der Verbände lesen. Inhaltlich ist das schon abzulesen: Themen der jetzigen Islamkonferenz sind Wohlfahrtspflege und Seelsorge. Das klingt bereits sehr nach etablierten »Kirchen« auf muslimisch.
Was haben die Musliminnen und Muslime in Deutschland in den Köpfen der Deutschen verändert? Ist die Offenheit größer geworden? Ist mehr Miteinander möglich als vor zehn Jahren?
Der 3. Oktober ist ein Lackmustest. Es ist nicht nur der Tag der Deutschen Einheit, sondern seit 1997 auch der Tag der offenen Moschee. Muslimische Gemeinden unterschiedlicher Ausrichtung laden Nicht-Muslime ein, die Schwelle zu ihrer Moschee zu übertreten, von innen anzuschauen, was von außen oft misstrauisch beäugt wird. Was tun Muslime in diesen Gotteshäusern? Wie beten sie? Wie sprechen sie miteinander? Wie sieht der Raum aus? In den zurückliegenden Jahren wurde der Tag der offenen Moschee zu einem Erfolgskonzept. Denn nicht-muslimische Deutsche kamen in großer Zahl, um muslimische Deutsche in der Moscheegemeinde zu besuchen. Der Run auf die Moscheen hält an. Das kann man als ein gutes Zeichen werten, gerade in Zeiten der AfD-Propaganda gegen alles vermeintlich Fremde und Andere.
Was hat die Islamkonferenz zu diesem Miteinander beigetragen? Ates’ Urteil fällt hart aus: Dank der Dominanz der Verbandsvertreter dort sei die Islamkonferenz nicht dazu genutzt worden, »die Offenheit zu fördern. Die Ängste, die sowieso da waren, sind nicht bearbeitet worden. Weil die Verbände reflexartig zu sagen pflegten: All die negativen Dinge, all die Gewalt, der Terrorismus usw., das hat alles nichts mit dem Islam zu tun. Im Grunde haben die Verbände nicht dazu beigtragen, dass das Bild vom Islam und den Muslimen sich verändert hat.« Gerade auf Pegida und die AfD hätte man ihrer Meinung nach »viel offener und offensiver reagieren können«. Dass dies nicht geschehen sei, sei tragisch. Umso wichtiger sei es, dass die in diesem Gremium nicht mehr platzierten Einzelpersonen weiterhin ihre Stimme in der Gesellschaft erheben: »Denn die Verbände bilden die Pluralität des Islams nicht ab.« Allenfalls zwanzig Prozent der in Deutschland lebenden Muslime fühlten sich durch diese Verbände repräsentiert. »Und die anderen?«
Ein Beispiel für deren »Heimatlosigkeit« innerhalb der muslimischen Community in Deutschland ist Lamya Kaddor. Die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin hat soeben ein neues Buch veröffentlicht: »Die Zerreißprobe. Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht«.Diese Bedrohung erlebt sie selbst: Gleichermaßen von Rechtspopulisten wie von Islamisten, aber auch einfach »nur« von konservativen Muslimen wird sie beschimpft und bedroht. Das Internet wird zur Hass-Spielwiese für viele anonym Hetzende, aber auch offene Gegnerschaften zeigen sich auf hämischste Weise. Warum wird sie so gehasst? Sie plädiert dafür, »liberale Grundsätze zu leben«. Die Angst vor dem Islam, die Angst vor Flüchtlingen, die Angst vor allem, was »anders« sein könnte, bedrohe die Demokratie. Deshalb habe die deutsche Gesellschaft »eine Bringschuld in der Integration«, sagt Kaddor. Diese Gesellschaft müsse selbst fragen: Wie frei leben wir? Wie viel Offenheit gestehen wir uns zu? Wie viel Diskurs halten wir aus?
Kaddor hat sich bis zum Sommer vom Schuldienst beurlauben lassen, weil die Situation für sie immer unerträglicher wird. Sie habe, sagt sie, nicht nur Angst um sich, sondern auch »um meine Schutzbefohlenen«, spricht die Schülerinnen und Schüler: »Wie soll ich so unterrichten?«
Ates glaubt, dass die Voraussetzungen für gelingendes Miteinander in der deutschen Gesellschaft in den letzten Jahren schlechter geworden sind. Angst führt zu Hass, Hass zu Gewalt. Wie könnte dies tragischer symbolisiert werden als durch die Anschläge in Dresden – darunter einer auf eine Moschee –, die den Einheitsfeiern vorausgingen?
Eine neue deutsche Gesellschaft ist im ständigen Werden. Hinter ihre Pluralität kann sie nicht mehr zurück. Es wird lange dauern, bis das ein allgemein akzeptierter Tatbestand ist. Der Tag der offenen Moschee trägt dazu bei, diesem »neuen Deutschland« ein Gesicht zu geben. Offene Türen öffnen vielleicht auch das ein oder andere Herz. Ja, es ist mühsam, demokratisch zu sein. Aber für Menschen, die an der Menschenwürde hängen, ist es alternativlos.
