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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2020
Gott der Gegenwart
Was Christen heute zu sagen haben
Der Inhalt:

Der Leblosigkeit entkommen

von Jeannette Hagen vom 15.09.2020
Vernunft gilt als Motor der Zivilisation. Doch wer seine Gefühle nicht kennt, wird leicht zum Spielball anderer und ist in der Politik bereit, einfachen Antworten oder Hassparolen zu folgen. So war es während der Flüchtlingskrise und ist es auch in der Corona-Pandemie
Lässt sich mit Empathie der Hass überwinden? (Foto: istockphoto/KarenHBlack)
Lässt sich mit Empathie der Hass überwinden? (Foto: istockphoto/KarenHBlack)

Vor Kurzem las ich einen Bericht über eine trauernde Frau. Bei einer Naturkatastrophe während ihres Urlaubs konnte sie das Leben ihrer Kinder retten – nicht jedoch das ihres Mannes. Er starb. Der Text beschrieb all die emotionalen Tiefen, die mit dem Verlust ihres Partners verbunden waren. Als ich ihn las, ging mir ihre Erfahrung von Tod und Leid sehr nahe. Unter dem Beitrag gab es verschiedene Kommentare. Einer lautete sinngemäß, dass das zwar alles ganz schön traurig sei, aber man müsste ja auch nicht mit zwei kleinen Kindern für vier Wochen ans Ende der Welt reisen – und überhaupt, wie könne es sein, dass ein Kind so lange schulfrei habe.

Da war sie wieder: die in meinen Augen so typisch deutsche Verachtung des Leids anderer und damit verbunden auch die Verachtung der eigenen Gefühle. Versteckt hinter Besserwisserei, Bevormundung und Überheblichkeit fristen Gefühle hierzulande häufig ein Randdasein. Tauchen sie auf, werden sie mit rationalen Argumenten oder mit dem Wort »Vernunft« kaschiert. Dabei lautet doch die Frage: Wäre es angesichts des Leids, das uns umgibt, nicht vernünftiger, traurig oder wenigstens mitfühlend zu sein? Wäre es nicht vernünftiger, Gefühle zuzulassen?

In den vergangenen fünf Jahren war ich mehrfach als freiwillige Helferin in den Flüchtlingslagern auf Lesbos und in Idomeni. Es waren jedoch weniger die Erlebnisse vor Ort, die mich im Nachhinein belastet haben, als vielmehr die Tatsache, dass ich beim Erzählen meiner Erlebnisse auf so viel Ablehnung und Unverständnis stieß. Das ließ mich zu dem Schluss kommen, die Flüchtlingskrise ist eher eine gesellschaftliche Krise. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass der Kopf das Herz dominiert.

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