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Das Drama von Idlib

von Markus Dobstadt 08.06.2019
In der syrischen Provinz Idlib droht eine große humanitäre Katastrophe. Seit Wochen wird sie von syrischen und russischen Jets bombardiert. Rund 300.000 Menschen sind in Richtung Norden geflohen. Die Menschen haben Angst vor einer Bodenoffensive des Regimes
Nach einem Luftangriff in der Provinz Idlib durch syrische Truppen am 14. Mai, es soll mehrere Tote und Verletzte gegeben haben (Foto: pa/Derwish)
Nach einem Luftangriff in der Provinz Idlib durch syrische Truppen am 14. Mai, es soll mehrere Tote und Verletzte gegeben haben (Foto: pa/Derwish)

»In Idlib droht die schlimmste humanitäre Katastrophe des Jahrhunderts«, sagte der UNO-Nothilfekoordinator Mark Lowcock dem Spiegel. Drei Millionen Menschen leben in der Region, darunter eine Million Kinder. Sie ist die letzte Rebellenhochburg in Syrien.

Ende April haben syrische und russische Truppen mit Angriffen aus der Luft begonnen. »Wir beobachten groß angelegte Flächenbombardements in Idlib«, sagt Lowcock. Nach dem jüngsten Report seiner Organisation OCHA wurden bis Ende Mai 24 Gesundheitseinrichtungen getroffen, 35 Schulen und mehrere Hilfseinrichtungen für Flüchtlinge. Es ist offensichtlich ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Mehr als 250 Menschen sollen bei den Bombardements bislang gestorben sein. Rund 300.000 Menschen sind vor der Gewalt innerhalb der Provinz Idlib in Richtung Türkei geflüchtet. »Die Leute packen sich ihr Auto voll mit allem, was sie mitnehmen können und fahren los«, berichtet Lennart Lehmann, Programmkoordinator der Welthungerhilfe in der türkischen Stadt Gaziantep, im Gespräch mit Publik-Forum. Die Hilfsorganisation versorgt syrische Flüchtlinge in der Türkei und in Nordwestsyrien mit Lebensmitteln, Dingen des täglichen Bedarfs und schafft eine sanitäre Infrastruktur. Die Lager auf der syrischen Seite der Grenze sind überfüllt. Menschen kampieren auch auf Feldern. Die Türkei hält die Grenzübergänge, wie vor den Bombardierungen auch schon, weiter geschlossen.

Hilfsorganisationen werfen den Syrern und Russen vor, die zivilen Einrichtungen in der Provinz Idlib gezielt anzugreifen. Die Vereinten Nationen hatten die Koordinaten von 235 Einrichtungen an die syrische Regierung, Russland und die Türkei weitergegeben, mit dem Ziel, sie dadurch vor Angriffen zu schützen. Doch, sagte Mohannad Othman, Chef der Al-Sham-Stiftung in Istanbul, »wenn man die Koordinaten weitergibt, dann werden genau diese Einrichtungen angegriffen«.

Die Russen und Syrer rechtfertigen die Angriffe mit Attacken aus der Region Idlib heraus. Die wird größtenteils von der Dschihadistenallianz Hajat Tahrir al-Scham (HTS) kontrolliert, die aus dem syrischen Al-Kaida-Ableger hervorgegangen ist. Russland und die Türkei hatten sich im September 2018 auf eine entmilitarisierte Zone rund um die Provinz Idlib geeinigt mit der Absicht, eine syrische Militäroffensive auf die letzte Rebellenhochburg in Syrien zu verhindern. Doch die versprochene Entwaffnung und Auflösung der Extremistengruppe HTS kam nicht zustande.

Flüchtlinge sind auf Hilfe angewiesen

»Die Situation der Flüchtlinge in der Provinz Idlib ist sehr schwierig«, sagt Lennart Lehmann von der Welthungerhilfe. Sie würden von 120 örtlichen und zusätzlich internationalen Hilfsorganisationen mit Zelten und Lebensmitteln versorgt. »An den Organisationen hängt die gesamte humanitäre Infrastruktur«, sagt Lehmann.

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Vertrieben hat die Menschen nicht nur das Bombardement. »Es gibt die große Sorge, dass das syrische Regime eine Großoffensive startet, um den südlichen Teil der Region Idlib zurückzuerobern«, meint Lehmann. Rund 1,5 Millionen Vertriebene aus anderen syrischen Regionen lebten in Idlib, laut UN-Szenarien könnten dann bis zu 900.000 Menschen in die bereits völlig überfüllte nördliche Hälfte der Provinz flüchten. Bislang harrten viele Menschen noch in den bombardierten Gebieten aus, denn auch die Flucht ist für sie ein Risiko: »Was passiert mit ihnen, wenn sie weggehen? Sie haben dann kein Dach mehr über dem Kopf, kein Einkommen, keine Netzwerke«, sagt Lennart Lehmann. Doch gerade der männlichen Zivilbevölkerung sei klar: Wenn das Regime Idlib eroberte, gäbe es für sie »kein Pardon«. Entweder sie würden in die Armee eingezogen oder als Oppositionelle bestraft.

Für die Bevölkerung sei derzeit auch nicht nur die Bombardierung gefährlich. Es gebe zudem Konflikte unter den Oppositionsgruppen. Und eine große Kriminalität. Es fehle an Infrastruktur, gerade in den bombardierten Gebieten im Süden der Provinz. Krankenhäuser seien entweder zerstört oder geschlossen.

Lehmann hofft auf eine politische Lösung des Konflikts: »Es gibt keinen anderen Weg«. Alles andere würde »in eine humanitäre Katastrophe münden. Davon hätte auch das syrische Regime nichts.« Er glaubt, dass es nicht Assads Ziel sei, die Provinz zu erobern. Lehmann: »Dann würde sich für ihn die Frage stellen, was mit den Oppositionellen geschehen soll, denn für Assad sind Andersdenkende nicht erwünscht«. Der Grund für die aktuellen Bombardierungen sei vielmehr: »Es ist eine Taktik des Regimes, die humanitäre Situation in den Oppositionsgebieten durch die Zerstörung der Infrastruktur zu verschlechtern«, eine »Strategie der psychischen Zermürbung«. Deswegen würden auch Getreidefelder bombardiert, sagt der Programmkoordinator der Welthungerhilfe.

Eine Lösung des Konflikts ist nicht in Sicht. »Es bleibt nur der Appell an die internationale Gemeinschaft, die notleidende Zivilbevölkerung nicht zu vergessen«, sagt Lennart Lehmann.

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