Müssen wir vegan leben?
Hilal Sezgin: »Ja, wir schulden es Erde und Tieren«
»Fast jeder kennt Bilder von zusammengepferchten Hühnern, die einander die Federn ausreißen; Kälbern, die fernab ihrer Mütter in Plastikboxen stehen, oder Sauen, die sich nicht um die eigene Achse drehen können. Manche hoffen, Bio-Produkte seien die moralische Rettung aus der Massentierhaltung. Aber auch bei »Bio« steht den Tieren kaum mehr Platz zu als in der konventionellen Tierhaltung. Das sind keine idyllischen Bauernhöfe mit einer Großmutter, die Körner an fröhlich herumwuselnde Hühner verfüttert.
All diese »Nutztiere« haben kein eigenes, vollständiges Leben. Sie alle werden zwangsbesamt, auf engen Raum gesperrt und nach kurzer Lebensdauer, meist noch im Kindesalter, gewaltsam getötet. Sich aus Tierschutzgründen vegetarisch zu ernähren, ist ein erster Schritt, aber keine Lösung. Denn auch Milchkühe und Legehennen sind empfindungsfähige Lebewesen und leiden unter den Lebensbedingungen, die wir ihnen zumuten. Und wenn uns Moral über eines belehren kann, dann darüber: Wir dürfen andern Lebewesen nicht ohne Not Leid zufügen und sie in ihrem Leben beeinträchtigen.
Umweltorganisationen mahnen, dass die Tierhaltung zu den negativsten Klimafaktoren gehört und die Wasser- und Bodenqualität weltweit bedroht. Unmengen von Getreide und Soja landen in den Futtertrögen eingepferchter Tiere statt auf den Tellern hungriger Menschen. Antibiotikaresistenzen haben ihren Ursprung oft in der Tierhaltung ebenso wie viele Influenza-Viren.
Vegane Ernährung ist für alle Lebensphasen geeignet. Folglich braucht die Menschheit keine Tierhaltung zum Überleben. Im Gegenteil: Sie braucht den Ausstieg aus der Tiernutzung. Wir schulden ihn künftigen menschlichen Generationen – und den Tieren.«
Gerald Wehde: »Nein, aber weniger Fleisch essen«
»Beim Hype um vegane Ernährung werden stets zwei Gründe genannt. Erstens: Tierhaltung sei klimaschädlich. Zweitens: Tiere zu töten sei moralisch verwerflich. Doch beide Argumente greifen zu kurz.
Erstens: Drei Viertel der globalen Agrarfläche sind Weideland. Gräser kann der Mensch für seine Ernährung nicht nutzen, Rinder, Schafe und Ziegen dagegen schon. Gleichzeitig sorgen Wiederkäuer für den Erhalt von Kulturlandschaften und Lebensräumen anderer Arten; ohne Kühe und Ziegen gäbe es kaum Bergwiesen, und ohne Schafe wäre auch die Heide ein Wald. Wenn also Tiere aus Gras hochwertige Lebensmittel wie Fleisch und Milch machen, dann ist das keineswegs klimaschädlich, sondern eine sinnvolle Tradition unserer Kulturgeschichte.
Zudem stecken im Dung der Tiere wertvolle Nährstoffe für Pflanzen. Deshalb gehören Tiere zum Biolandbau dazu. Statt auf chemischen Dünger setzen Biobauern auf einen geschlossenen Kreislauf. Der Biolandbau mit Leguminosen und Rinderhaltung ist sogar klimafreundlicher als ohne Tierhaltung, zeigen aktuelle Untersuchungen.
Zweitens: Der Veganismus als ethisches Konzept greift zu kurz. Durch Flächenversiegelung, also durch den Bau von Häusern und Straßen, werden täglich Millionen Tiere getötet. Und was würden Sie zu Menschen in Afrika und Asien sagen, die ohne den Fischfang nicht überleben könnten?
Der Absolutheitsanspruch der Veganer ist falsch: Auch sie töten jeden Tag Tiere, schon allein wenn sie mit dem Bus zur Arbeit fahren. Was ich bestimmt nicht will, ist Tiere aus quälerischer, industrieller Massentierhaltung zu essen. Weniger Fleisch essen und alle Anstrengungen für mehr Tierwohl und Artenvielfalt zu unternehmen – das ist mein Konzept.«
Gerald Wehde, geboren 1962, ist Pressesprecher bei Bioland, dem größten Verband für ökologischen Landbau in Deutschland. Knapp 6000 Landwirte wirtschaften nach den Bioland-Richtlinien.
