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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2014
Der ferngesteuerte Krieg
Kampfdrohnen: Was Politik und Militär wirklich wollen
Der Inhalt:

Führerschein für Eltern?

vom 29.07.2014
In Schulen und Kindergärten fallen immer wieder Kinder auf, die ungenügend versorgt und gefördert werden. Soll man deren Mütter und Väter verpflichten, die nötigen Kenntnisse mit einem Elternführerschein zu erwerben? Ein Pro- und Contra – und Thema unserer aktuellen Umfrage. Machen Sie mit!
Führerschein für Eltern? Christina Schwarzer (links) sagt: "Ja!" Jan-Uwe Rogge (rechts) sagt: "Nein!"
Führerschein für Eltern? Christina Schwarzer (links) sagt: "Ja!" Jan-Uwe Rogge (rechts) sagt: "Nein!"

Christina Schwarzer: »Ja, denn viele Eltern fühlen sich leider nicht verantwortlich«

»Zugegeben, das Wort ›Elternführerschein‹ ist für viele erschreckend. Aber nach genauer Erwägung halte ich den Vorschlag für sinnvoll und habe ihn jetzt in die politische Debatte eingebracht.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 14/2014 vom 25.07.2014, Seite 8
Der ferngesteuerte Krieg
Der ferngesteuerte Krieg
Kampfdrohnen: Was Politik und Militär wirklich wollen

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Damit meine ich natürlich nicht, dass zukünftige Eltern einen Elternführerschein machen müssen, um dann anschließend ein Kind zu bekommen. Nein, ich möchte vielmehr, dass wir Eltern unterstützen, die aus verschiedensten Gründen nicht in der Lage sind, ihren Kindern notwendige Grundkompetenzen wie etwa Fein- und Grobmotorik, Sprachkompetenz oder eben die gesunde Ernährung zu vermitteln. Ich fordere daher, dass die Früherkennungsuntersuchungen verbindlich werden und bei Feststellung von Defiziten den Eltern Kurse – von der Säuglingspflege bis zum Sprachkurs – angeboten werden. Wichtig ist, dass auch diese Kurse verbindlich gemacht werden. Viele Eltern fühlen sich leider nicht für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich und sehen hier die Kompetenz in der Kita oder in der Schule. Ich möchte dies gern ändern und Eltern ›an die Hand nehmen‹ und unterstützen.

Wenn die Früherkennungsuntersuchungen und die Kurse verbindlich sind, muss es auch eine Konsequenz geben, wenn diese nicht besucht werden. Hier denke ich an Geldbußen, ähnlich wie beim Schulschwänzen. Erst wenn es ans Geld geht, werden sich viele bewusst, dass sie Regeln nicht beachtet haben. Das Argument, dass mit finanziellen Sanktionen auch den Kindern das Geld genommen wird, trifft meines Erachtens nicht zu. Das Geld wäre weder ins gesunde Schulbrot noch in den Sportverein investiert worden, sondern eher ins schickere Smartphone. Ich will lieber am Anfang in Familien investieren, anstatt später dann den Reparaturbetrieb anzuwerfen.«

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Jan-Uwe Rogge: »Nein, denn damit werden die Familien diskriminiert«

»So eine Idee kann nur in einer Berliner Bürolandschaft entwickelt werden, die fern aller familiären Wirklichkeit ist! Es ist eine Illusion, dass man überforderte Eltern in ein paar Unterrichtsstunden zu guten Erziehern umformen könnte. Anders als im Straßenverkehr kann das familiäre Verhalten nach Abschluss eines solchen ›Führerscheins‹ ja gar nicht kontrolliert werden. Oder wollen wir etwa ein pädagogisches ›Flensburg‹ mit Strafpunkten für Eltern einführen, die sich nicht an die in den Kursen vermittelten Regeln halten?

Überdies ist es eine Diskriminierung von Familien, wenn nur bestimmte Mütter und Väter den Führerschein machen müssen, nachdem ihre Kinder bei einer Untersuchung negativ aufgefallen sind. Alle, die an diesen Kursen teilnehmen, wären damit automatisch als Versager gebrandmarkt. Wer zu solchen Zwangskursen herangezogen wird, wird nach aller Erfahrung seine ganze Kreativität dazu einsetzen, dort nicht erscheinen zu müssen.

Eltern brauchen keine pädagogischen Crashkurse, sondern verlässliche Ansprechpartner in jeder Entwicklungsphase, die ihre kleinen Mädchen und Jungen gerade durchlaufen: niedrigschwellige, gut erreichbare, kostenlose Anlaufstellen in allen Orten, Stadtteilen und sozialen Brennpunkten. Wenn solche offenen Angebote von Caritas, Kinderschutzbund oder Familienzentren vor Ort sind, kommen die Eltern von selbst. Gerade diese Einrichtungen klagen aber darüber, dass ihnen vielerorts die Zuschüsse gekürzt und wichtige Angebote für Familien geschlossen werden müssen. Hilfreicher als politisch verordnete Zwangskurse wäre es deshalb, wenn Familienpolitiker sich für eine verlässliche Finanzierung der bereits bewährten Projekte und Organisationen einsetzen.«

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Ute Plass
03.08.201411:36
"...dass die kinderlose Tante am besten wusste, wie man Kinder richtig erzieht".

Finde die Diskussion nicht hilfreich, Menschen, die nicht "Bio-Mütter / Bio-Väter" sind die Kompetenz im Umgang mit Kindern abzusprechen. Zuwendung, Achtsamkeit und Unterstützung für Hilfebedürftige zu entwickeln ist ja kein Privileg von leiblichen Eltern. Dass uns gesamtgesellschaftlich das Wohlergehen aller Menschen, eben auch unserer Kinder, anzugehen hat zeigt die Debatte hier:
http://antjeschrupp.com/2014/05/13/familienpolitik-braucht-kein-mensch/

Richtig und wichtig finde ich, dass @Bärbel Fischer auf die Problematik von Verantwortungsverschiebung durch die Politik hinweist, die mit verantwortlich gemacht werden muss für die Nöte, in die Eltern durch falsche Politiken hinein geraten. Zu dieser falschen Politik gehört, dass "der Wirtschaft" in allem der Vorrang gegeben wird, anstatt umgekehrt dem Grundsatz zu folgen, dass "die Wirtschaft für den Menschen da zu sein hat".
Regina Krampe
30.07.2014
Ich arbeite in einer Städtischen Erziehungsberatungsstelle und halte es mit Jan-Uwe Rogge. Die Worte von Frau Schwarzer zeugen von Unkenntnis, Stimmungsmache und Verantwortungsverschiebung. Frau Schwarzer sollte sich erst mal informieren, welche Angebote unter dem Titel "Frühe Hilfen" bereits in Kommunen gemacht werden und wie viele die "vielen" Eltern sind: Nach meiner Erfahrung haben die meisten Eltern sogar ein stark ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein für ihre Kinder, bis dahin, dass sie es manchmal vielleicht zu gut meinen aus großer Verunsicherung heraus. Gerade aktuell werden auch im Bereich der Jugendhilfe eher finanzielle Kürzungen durchgeführt, da Kommunen z.B. durch den Rettungsschirm Sparzwängen unterworfen sind. Ich frage mich, welche Kompetenzen und konkreten Erfahrungen oder Statistiken Frau Schwarzer zu ihrer Einschätzung befähigen und bringen. Oder ob es nur "ein Gefühl" ist, das nicht belegt ist.
Bärbel Fischer
29.07.201415:33
Es war schon vor 70 Jahren so, dass die kinderlose Tante am besten wusste, wie man Kinder richtig erzieht. In ihren Augen machten die Eltern schon damals alles falsch. Heute sitzt die Tante als CDU-Abgeordnete Christina Schwarzer im Parlament.

Bei ihrer Bestandsaufnahme vergaß die Dame allerdings, dass derzeit viele Eltern ihre eigenen Kinder und deren Emotionen kaum mehr kennen, weil sie bei der Arbeit, und die Kinder in der Ganztagsbetreuung sind. Die Erziehungspflicht liegt acht Stunden am Tag bei den BetreuerInnenn. Wundert uns, dass Eltern ihre Verantwortung an der Tür zu Krippe, Hort oder Schule abgeben? Nur, wenn dann - total logisch - der erwünschte Erfolg ausbleibt, dann gelten die E l t e r n plötzlich als unfähig und verantwortungslos. Frau Schwarzer schiebt den Schwarzen Peter den Eltern zu, will sie aber gleichzeitig „an die Hand nehmen und unterstützen“.

Wie rührend!

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Elternführerschein - ja oder nein?