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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2015
Hat Hass eine Religion?
Die perfide Taktik des islamistischen Terrors
Der Inhalt:

Brauchen wir Gotteslästerung?

vom 31.01.2015
Weltweit morden Killerbanden mit heiligen Büchern im Gepäck. Kein Kontinent bleibt verschont. Auch die Toten der Redaktion von »Charlie Hebdo« wurden Opfer einer Gewalt, die sich auf Gott beruft. Vermeintlich verteidigten die Täter dessen Ehre, die sie durch Satire beleidigt sahen. Ist Blasphemie nötig? Das fragen wir Sie in unserer aktuellen Umfrage. Lesen Sie hier ein Pro- und Contra
Brauchen wir Gotteslästerung? Christian Modehn (links) sagt: »Ja!« Elisa Rheinheimer-Chabbi sagt: »Nein!« (Fotos: privat)
Brauchen wir Gotteslästerung? Christian Modehn (links) sagt: »Ja!« Elisa Rheinheimer-Chabbi sagt: »Nein!« (Fotos: privat)

Christian Modehn: »Ja! Religionskritiker sind die wahren Frommen«

»Wir brauchen Blasphemie. Nur so können sich Humanisten und aufgeklärte religiöse Menschen in Bild, Wort und Musik öffentlich abgrenzen von den Verirrungen, denen fromme, manchmal gewalttätige Anhänger religiöser Institutionen öffentlich folgen. Gotteslästerer sprechen im Interesse der aufgeklärten Gesellschaft, wenn sie menschenfeindliche Frömmigkeit ironisch überbieten. Das sage ich als christlicher Theologe. Denn Gott, das Geheimnis der Welt, darf niemals wie ein alltäglicher Gegenstand »behandelt« werden. Traditionell Fromme sollten für diesen Hinweis dankbar sein.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 02/2015 vom 30.01.2015, Seite 8
 Hat Hass eine Religion?
Hat Hass eine Religion?
Die perfide Taktik des islamistischen Terrors

Aufgeklärte Menschen werden zu Blasphemikern, weil sie die Verbindung von Gott und Gewalt gotteslästerlich finden. Sie finden die Vorstellung blasphemisch, dass Gott selbst in einem heiligen Buch zitierfähig sein soll. Die sogenannten »Gotteslästerer« sehen Gotteslästerung also bei den Frommen: wenn mit religiösen »Wundern« Geld verdient wird, wenn Bischöfe als Finanzjongleure Spenden veruntreuen oder Priester sexuellen Missbrauch kaschieren. Religionskritiker sind also die wahren Frommen, weil sie nicht hinnehmen, dass in der Machotheologie Frauen und Homosexuelle nicht gleichberechtigte Geschöpfe Gottes sein dürfen. Jene »Gotteslästerer« sind religiös, weil sie es unerträglich finden, dass Gott von fundamentalistisch Frommen in den Schmutz gezogen wird!

Wir wollen nie einzelne Gläubige beleidigen. Wir rufen nicht zur Volksverhetzung auf. In Europa wird deswegen Gotteslästerung kaum noch bestraft. Wichtig ist vielmehr die Erkenntnis: Ohne Meinungsfreiheit gibt es keine Religionsfreiheit. Und Gott kann niemals wie ein beleidigtes Rechtssubjekt klagen. Heilig sind uns Religionskritikern Menschenrechte, Gerechtigkeit und Freiheit für alle.«

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Elisa Rheinheimer-Chabbi: »Nein! Blasphemie nützt niemandem, sie schürt nur Hass«

»Ist man etwa nur dann ein guter Europäer, ein stolzer Demokrat, ein aufgeklärter Mensch, wenn man blasphemisch wird? Ich sage: Nein! Denn Gotteslästerung nützt niemandem. Stattdessen schürt sie Hass und Gewalt. Sie verletzt die Gefühle vieler religiöser Menschen – nicht nur vieler Muslime! – und führt zu einem »Wir-gegen-euch-Denken«.

Gotteslästerung wird häufig in satirischen Darstellungsformen verpackt. Satire ist gut und wichtig und Teil des Journalismus. Aber Pressefreiheit endet dort, wo Hass gesät, wo tiefste Gefühle von Mitbürgern verletzt und wo Vorurteile verstärkt werden. Im Falle einiger Charlie-Hebdo-Karikaturen ist genau das geschehen. Das rechtfertigt selbstverständlich kein Attentat. Es sollte uns Journalistinnen und Journalisten aber daran erinnern, dass wir gehalten sind, nicht nur die Pressefreiheit hochzuhalten, sondern auch den Pressekodex. Dort heißt es: »Die Presse verzichtet darauf, religiöse, weltanschauliche oder sittliche Überzeugungen zu schmähen.« Deutlicher geht es nicht.

Für Christen und Atheisten mag die Aufregung um Mohammed-Karikaturen schwer zu verstehen sein. Doch auch der Respekt vor Andersgläubigen macht eine Demokratie aus – nicht einzig und allein die Pressefreiheit. Auch die Rücksichtnahme auf Minderheiten ist ein westlicher Wert. »Es darf Terroristen nicht gelingen, uns vorzuschreiben wie weit Meinungsfreiheit gehen kann«, heißt es oft empört. Das stimmt. Wir sollten aber darüber diskutieren, wie weit Pressefreiheit geht. Am Tisch müssen dabei Gläubige aller Religionen sitzen, Atheisten und Karikaturisten. Was wir brauchen, ist ein Diskurs und keine trotzige »Jetzt-erst-recht-Haltung«. Denn die ist für ein friedliches Zusammenleben wenig hilfreich.«

Kommentare
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Reinald Richber
23.02.201509:12
Die Frage “brauchen wir Gotteslästerung?” kann nur ernst gemeint sein, wenn “Gotteslästerung” nicht meint, was der Begriff sagt. Im Sinne von “Götzendienstlästerung”, was Christian Modehn hoffentlich letzlich meint, brauchen wir Blasphemie, ja! In diesem Sinne steht die Bibel selbst als satirisches Buch vornean - vor allem die Propheten (z. B. bei Jesaja 44, 12-17) und zwar auch innerhalb der eigenen Religion (z. B. Jeremia 7, 4-6 oder Amos 4,1).
Was wir dagegen absolut nicht brauchen, sind Satire wie Fanatismus, die das eine vom anderen nicht unterscheiden können oder wollen. Satiriker, die wirklich im Sinne des Wortes Gott, bzw. generell den Glauben an ihn lästern wollen, stellen sich selbst in die vorderen Reihen der Hassprediger, gegen die sie im Namen der Pressefreiheit vorgeben zu kämpfen.
Saulus
12.02.201518:32
Gott ist eine menschliche Erfindung
/Kulturleistung, wie Sprache und Kunst.Er existiert nicht im Himmel oder sonstwo.Er ist eine Chiffre deren Sinn geschehen kann, wenn Menschen,wider Erwarten,ihren Mitmenschen gegenüber nicht nur solidarisch sondern liebevoll ("wie dich selbst")begegnen. Das ist verdammt viel verlangt und deshalb auch so selten.
Die großen Erzählungen der jüdisch-christlicghen Tradition sind von tiefster Einsicht in die Natur des Menschen geprägt
und auch der Koran enthält viele gute Vorschläge, Zusammenleben zu gestalten.
Alles dies ginge auch ohne Gott, wenn die Religionen endlich ihren Anhängern die Ergebnisse der aufgeklärten historisch-kritischen Forschung nicht mehr vorenthalten würden.Es sollte von allen Kirchtürmen,Minaretts und Kanzeln täglich verkünder werden: Gott ist tot aber wir könnten die in seinem Begriff gemeinte menschliche Welt schaffen und "ihn" damit realisieren.
06.02.201512:47
Gotteslästerung ist notwendig,weil religiöse Fanatiker endlich aufgeweckt werden müssen in ihren Ansichten. Die Aussage, dass alle Religionskritischen Menschen im Grunde an Gott glauben sollen, ist nicht nur falsch, sondern auch ein kläglicher Versuch, andersdenkende und aufgeklärte Menschen zu rechtfertigen und so darzustellen, dass der Anschein der "großen Glaubensgemeinschaft" entsteht. Dieses "dumm halten" der Bevölkerung grenzt schon fast an Diktatur. Der Anschlag auf die Charlie-Hebdo-Karikaturisten war nicht nur Sinnlos, sondern ein Akt des Hasses eben dieser "dumm gehaltenen" Religiösen.
Franz Gerhard
05.02.201510:53
Spannend, wie beide Kontrahenten ihre Meinung zu "Gotteslästerung" darlegen. Da sie den Begriff unterschiedlich deuten, kann und muss ich beiden Recht geben. Auch Jesus wurde ja wegen Gotteslästerung angeklagt und verurteilt. In diesem Sinn argumentiert Chr. Modehn natürlich überzeugend, wenn er diese Art von Blasphemie sogar für notwendig hält. Die Frage ist nur, ob die Charlie-Hebdo-Karikaturisten von eben diesen Motiven her handeln. Wenn sie, was naheliegt, sich lediglich über Religion und ihre Anhänger lustig machen, teile ich die Position von Elisa Rheinheimer-Chabbi: Diese Art von Gotteslästerung nützt niemandem. Im Gegenteil, sie sät Hass und Gewalt.
Georg Lechner
04.02.201520:05
"Gotteslästerung" im landläufigen Sprachgebrauch ist aus meiner Sicht allenfalls eine Verletzung von Gefühlen. Ich möchte dieses Wort eigentlich nur für einen Missbrauch des Wortes "Gott" für eigene Machtansprüche verwenden - im schlimmsten Fall für Theokratien (die schon Hugo Ball anno 1919 als "Sakrileg der Sakrilege" bezeichnet hatte). Gegen solche Missbräuche sind Cartoons und alle anderen Formen des Verrisses angebracht. Das sehe ich auch als Anliegen von Christian Modehn.
Freilich wird man auf der anderen Seite auch immer darüber streiten können, was Anprangerung eines Missstands und was pauschalierende Verunglimpfung ist, die den ethischen Maßstäben zuwiderlaufen, die Elisa Rheinheimer-Chabbi ansprach.
Was mir bei den westlichen Medien sehr unterentwickelt erscheint, ist Kritik in jeder Form an nationalistisch oder finanziell motivierter Machtpolitik wie den völkerrechtswidrigen Kriegen 1999 und 2003.
Hans-Otto Kloos
02.02.201516:53
Christian Modehn will „menschenfeindliche Frömmigkeit ironisch überbieten“. Er will nicht hinnehmen, „dass Gott von fundamentalistisch Frommen in den Schmutz gezogen wird“.
Das wäre dann der Fall, wenn er diese Menschen intellektuell erreichen und in ihren Haltungen verändern könnte. Dagegen spricht aber die Psychologie. Ironie wird als arrogant und damit als unerlaubter Versuch der Herrschaft aufgefasst, wo nicht die Möglichkeit besteht, ihr auf gleicher Augenhöhe zu begegnen.
Karikaturen sind dort hervorragende Mittel der Verstörung, wo sie auf Offenheit stoßen. Solche Offenheit setzt aber Bildung im aufgeklärten Sinn voraus. Fundamentalismus resultiert aber eher aus dem Rückzug aus einer als zu komplex erfahrenen Welt. Veränderung ist mühsam, setzt sie doch die Bereitschaft voraus, sich geduldig mit dem Gegenüber zu befassen, um seine Sicht der Dinge zu würdigen. Ich wünsche mir Moderatoren, Sozialarbeiter und Pädagogen, die solche Begegnungsarbeit mit langem Atem betreiben.