Grüner glauben nach Fukushima
Wut verraucht. Glaube bleibt. Man könnte dieser Erkenntnis des Schriftstellers Andrian Kreye Glauben schenken, wenn es einen Glauben gäbe, der bliebe. Wenn eine Religion existierte, die sich nicht verlöre.
Wie es aussieht, gibt es ihn, diesen Glauben, der bleibt. Denn zu aller Erstaunen sind sie auferstanden: die Christinnen und Christen, die dem Rad in die Speichen fallen. Die sich in der Welt gegen die Welt wenden. Und die all das tun, weil sie sich als Glaubende dazu berufen fühlen. Die Privatheit der christlichen Postmoderne – in der jeder für sich nach Transzendenzerlebnissen sucht – ist gründlich erschüttert durch Erfahrungen, die nicht zur Seite geschoben werden können wie so viele zuvor.
Zu Ostern 2011 wird die Ostermarschbewegung eine Renaissance erleben. Zu Tausenden werden sich Menschen an Atomkraftwerken und Endlagern versammeln, um gegen eine Form der Energiegewinnung zu demonstrieren, wie sie sich gerade im japanischen Fukushima als todbringend erwiesen hat. Viele von ihnen werden aus christlicher Überzeugung handeln; und sie werden die Auferstehung Jesu, an die das Osterfest erinnert, in einem Aufstand für das Leben lebendig machen.
Im Wendland berufen sich junge Theologinnen und Theologen schon länger auf den alttestamentlichen Propheten Amos, der im Norden Israels mit sozialkritischen Auftritten von sich reden machte. Mit Amos im Kopf und im Herzen wehren sie sich gegen die Castortransporte. Sie wehren sich gegen die Logik des Kapitalismus, der alles berechnet und nichts hinterfragt. Sie kämpfen für Gerechtigkeit. Und sie ersehnen eine geheilte Natur, in der auch der Mensch heil werden kann.
Dann ist da noch dieser Stéphane Hessel. Ein Mann von 93 Jahren, ein Franzose deutsch-jüdischer Herkunft, Résistance-Kämpfer und Ex-Diplomat, der »auf der allerletzten Etappe« seines Lebens, wie er es selbst beschreibt, eine Streitschrift vorlegt, die Europas Enkel zu Begeisterungsstürmen treibt: »Empört Euch!« heißt der Titel. Schlicht und einfach. Aber er ist von einer Sprengkraft, die mitten ins Herz jener Generation trifft, die des allgegenwärtigen Hedonismus und Konsumismus überdrüssig zu werden beginnt. »Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.« Das ist Hessels Formel, die viele elektrisiert. Auch junge Christinnen und Christen.
Hat die grüne Wende eine Theologie?
Die Auferstehung eines politischen Christentums – mitten im bürgerlichen, satten und privatistischen Alltag – ist überraschend. Andrian Kreye entdeckt als Grundlage dieses Christentums eine »grüne Theologie«, die die Bewahrung der Schöpfung zum Kernthema erklärt. Dass Christinnen und Christen sich dieses Themas wieder annehmen, ist – so betrachtet – eine konservative Wende. Denn es geht ums Bewahren. Darum, den Kern einer Sache zu schützen, die man für unveräußerbar hält: die Natur und all ihre Ausdrucksformen.
Die Protagonisten dieser konservativen Wende aber sind in der politischen Landschaft links angesiedelt – nicht rechts und auch nicht in der Mitte. Das macht die Analyse der Wende spannend. Denn es fragt sich, was »bewahren« unter dieser Prämisse bedeutet – und welcher Natur der christliche Umweltschützer in der Postmoderne zur Auferstehung verhelfen will.
Generationen von Theologinnen und Theologen haben sich darüber gestritten, was »die Natur« genau sei. Thomas von Aquin schrieb im 13. Jahrhundert die Grundlagen einer theologischen Naturrechtslehre nieder, in der er die Natur als Selbstoffenbarungsort Gottes sah. Hinter ihm blieben manche, die in den folgenden Jahrhunderten über dasselbe Thema nachdachten, weit zurück. Etwa dann, wenn sie eine »gottgewollte Moral« in allem, was da kreucht und fleucht, zu entdecken glaubten. Die Theologin und Ethikerin Regina Ammicht Quinn sagt dazu: »Wenn wir unser zeitgeschichtlich gebundenes Verständnis von Natur einfach mit Gottes Willen gleichsetzen, denken wir zu wenig komplex. Dann laden wir unser jeweiliges Verständnis der Wirklichkeit nämlich einfach nur religiös auf.«
Wer diesem Befund mit Ernst nachgeht, muss sich fragen: Welche Kulturleistungen des Menschen halten im 21. Jahrhundert der Natur als Offenbarungsort Gottes stand? Welche menschlichen Kompetenzen sind lebensfreundlich zu nennen? »Jedes kulturelle Handeln – egal welchen Zweck es verfolgt – stellt ein Eingreifen in die Natur dar«, konstatiert Ammicht Quinn. Wenn aber der Mensch nicht mehr aus seiner kulturellen Rolle herauskommt, wenn es »Natur pur« nicht mehr gibt, weil es sie nicht mehr geben kann, steht der Mensch umso radikaler in der Verantwortung als Bewahrer der Schöpfung. An Gott kann er diese Verantwortung nicht abgeben.
Jedoch: Schon das Bewahren-Wollen stellt eine Kulturleistung dar, die die Natur verändert. Bereits ein einziger neuer Gedanke macht die Natur »neu«. Menschen, die sich in ihrem Protest gegen Atomenergie, Ungerechtigkeit und Konsumismus auf die Bibel stützen, werden also die Frage beantworten müssen, von welcher »Natur« sie dort lesen. Kann eine »grüne Theologie« mit einem exegetischen Befund aufwarten, der die »Bewahrung der Schöpfung« eindeutig macht?
Ein unfreiwilliger Kronzeuge
Manch einem scheint es leichter zu gelingen als anderen, solche Eindeutigkeit zu finden. Zum Beispiel dem Beinahe-Jesuiten und CDU-Politiker Heiner Geißler, der einst einen Bestseller mit dem Titel schrieb: »Was würde Jesus heute sagen? Die politische Botschaft des Evangeliums«. Doch lässt sich so mir nichts, dir nichts klären, was Jesus zur Atomkraft sagen würde? Lässt sich sagen, ob er sich heute an die Gleise ketten würde, um Castortransporte zu verzögern? Und ist anzunehmen, dass er »Bewahrung der Schöpfung« am liebsten durch schwarz-grüne Koalitionen verwirklicht sähe, weil die Vokabeln »Bewahrung« und »Natur« dort ihr Zuhause haben?
Wer wahrhaftig mit der Bibel umgeht, wer Exegese betreibt und Kontexte klärt, kann auf diese Fragen zwei Antworten geben. Die erste lautet: Von Atomkraft, Castoren und schwarz-grünen Koalitionen steht nichts in der Bibel. Sie hält keine vordergründigen Handlungsanweisungen für Ostermarschierer bereit. Die zweite Antwort ist: Die Bibel erzählt stattdessen in einer Vielzahl sich stützender und widersprechender Textstücke von den Erfahrungen, die Menschen vor langer Zeit mit Gott machten. Wer diese Erfahrungen wichtig nimmt und sich auf diesen von Menschen erfahrenen Gott taufen lässt, kann sich »christlich« nennen.
Doch Christsein ist kein Zustand. Christsein ist Bewegung. Einen Christen treibt die Sehnsucht nach Auferstehung mitten im Leben. Und die Erwartung, dass diese Auferstehung Wirklichkeit wird. Aller Unkenrufe zum Trotz. Aller Fakten und Zwänge zum Hohn.
Die Menschen, die vor rund 2000 Jahren Jesus begegneten, kannten weder Atomkraft noch Castoren noch schwarz-grüne Koalitionen. Von Naturschutzfragen ist in der Bibel fast nichts zu lesen. Stattdessen gab es andere Themen, die den späteren Jüngerinnen und Jüngern Jesu auf den Nägeln brannten: Würde einer kommen, der sie aus ihrem Elend erlöste? Der nicht danach fragen würde, ob sie Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, Mann oder Frau seien (Galater, 3, 28)? Der sie einfach annehmen und lieben würde, wie sie nun einmal waren? Und der so Hoffnung machen würde auf ein besseres Leben?
Er, den sie erhofften, kam wirklich. Was im alten Bund Gottes mit den Menschen verheißen war, ging aus der Sicht der Jesus-Anhänger in Erfüllung. Sie erzählten es weiter und schrieben es schließlich auch auf. Um das Wunder perfekt zu machen, geschahen in ihren Geschichten wundersame Dinge. Jesus entging als Neugeborener nur knapp einem Massenmord, fachsimpelte als Zwölfjähriger mit Schriftgelehrten, erweckte als junger Mann Tote zum Leben und vermehrte Brot aus dem Nichts. Am Ende starb er am Kreuz – und erstand doch von den Toten.
Für die Menschen, die Jesus erlebten, waren diese Erfahrungen wahr. Jesu Botschaft der Liebe und Zugewandtheit, die alle Ketten gesprengt hatte, konnte auch nach seinem Tod nicht tot sein. Undenkbar! Er gab ihnen die Kraft und den Geist, alles zu hoffen – und alles zu wagen.
Worauf warten Christen heute?
Kann eine »grüne Theologie« im 21. Jahrhundert auf diesem Fundament eine neue Auferstehungshoffnung formulieren? Wenn sie die Ostermärsche tragen, die Castorproteste untermauern, die Empörung gegen Ungerechtigkeit und Turbokapitalismus zu ihrer machen will, muss sie es. Denn Christsein und Auferstehung gehören zusammen. Der evangelische Theologe und religiöse Freidenker Klaus-Peter Jörns formuliert es so: »Der Glaube, dass Jesus Christus nicht im Tod verschwunden, sondern in Geist und Liebe gegenwärtig ist, ist der Kern des Osterglaubens damals wie heute.«
Also muss eine »grüne Theologie« die biblischen Auferstehungserfahrungen ins Heute übersetzen. Doch das kann sie nur, wenn sie erspürt, worauf Christinnen und Christen heute warten. Verzweiflung über Israels römische Besatzung war gestern – Gott sei Dank. Europas Christinnen und Christen haben heute andere Sorgen.
Die Theologien der Bibel knüpften bei den Erfahrungen mit dem leibhaftigen Jesus an. Theologien des 21. Jahrhunderts – eine »grüne« zumal – müssen bei den Erfahrungen der Menschen mit der Natur als Offenbarungsort Gottes ansetzen. Wir haben keinen leibhaftigen Jesus. Aber wir haben Gottes Welt – und den erzählten, erinnerten und geglaubten Jesus in ihr.
Die Seele der Welt
Worauf also warten Christinnen und Christen, die zu Ostern am Zaun eines Atomkraftwerks demonstrieren? Darauf, dass die Natur Anwälte findet. Darauf, dass Menschen mit Entscheidungsmacht so handeln, dass der Planet Erde überleben kann. Vor allem aber darauf, dass geheilt werde, was Fukushima zerstörte: die Seele der Welt.
Die Erfahrung von Unheil, das Menschen verursachten, stört die Beziehung zwischen Gott und den Menschen empfindlich. Es braucht keine theologische Definitionshoheit über den Glauben, damit verstanden werden kann, dass in diesem Unheil die Unmöglichkeit liegt, als »auferstandene Menschen« zu leben.
Wenn Gott die Liebe ist und »diese Liebe nicht verloren gehen kann«, wie Jörns formuliert, wird Auferstehung heute also dann erfahrbar, wenn die Mauer des Unheils durchbrochen wird. Zu hoffen heißt, darauf zu bauen, dass Gott den Menschen bei dieser Arbeit entgegenkommt. Es widerspräche dieser Hoffnung jedenfalls ganz und gar, in Zuschauerhaltung auf zerstörerische Kräfte zu starren, die Geschichte einem vermeintlich unausweichlichen Ende entgegenlaufen zu lassen.
Das Osterfest erinnert an die Möglichkeit einer Auferstehung mitten im Leben. Einen »neuen Himmel und eine neue Erde« kann es geben. Wut verraucht vielleicht. Aber der Glaube bleibt.n
