»Die Kinder sind oft toleranter«
Sollen Homosexuelle Kinder adoptieren dürfen? In Diskussionen um die sogenannten Regenbogenfamilien taucht vonseiten der Kritiker immer wieder das Argument auf, ein gleichgeschlechtliches Paar könne Kindern kein ihrer Entwicklung förderliches Klima bieten, weil ihnen der gegengeschlechtliche Elternteil fehle. So argumentiert auch der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz (Publik-Forum 8/2013). Dieses Argument mag zunächst plausibel erscheinen, erweist sich aber aus fachlicher Sicht als unsinnig: Zum einen verlieren lesbische Frauen und schwule Männer, die zuvor in heterosexuellen Ehen gelebt haben, durch ihr Coming-out ja nicht ihre erzieherische Kompetenz. Zum anderen betrifft ein solches Argument nicht nur Regenbogenfamilien, sondern in gleicher Weise die (meist von Frauen geführten) Einelternfamilien.
Tatsächlich sehen sich auch Einelternfamilien oft mit dem Vorwurf konfrontiert, diesen Kindern, vor allem den Jungen, fehle der Vater als männliche Identifikationsperson. Die Forschung zeigt jedoch, dass Kinder aus Einelternfamilien sich gleich entwickeln wie Kinder aus (heterosexuellen) Zweielternfamilien.
Zur Entwicklung von Kindern aus Regenbogenfamilien ist besonders die Langzeitstudie von Nanette Gartrell beachtenswert: Die amerikanische Forscherin hat 17 Jahre lang Kinder untersucht, die alle durch künstliche Insemination entstanden; diese Kinder haben folglich vom Beginn ihres Lebens an in der Familie zwei Mütter erlebt. In Deutschland ist eine Studie zu Regenbogenfamilien von der Universität Bamberg durchgeführt worden. Diese und andere Studien weisen eindeutig nach, dass sich bei diesen Kindern, unabhängig davon, ob sie aus einer heterosexuellen Beziehung stammen oder durch künstliche Insemination entstanden sind, in sozialer, emotionaler und intellektueller Hinsicht keinerlei Fehlentwicklungen finden.
Häufig wird kritisch eingewendet, diese Kinder würden vielleicht in einem höheren Prozentsatz selbst lesbisch beziehungsweise schwul. Diese Frage ist diskriminierend, klingt darin doch an, dass die Entwicklung einer gleichgeschlechtlichen Orientierung unerwünscht sei. Zur Beruhigung solcher Kritiker: Diese Kinder werden nicht häufiger als Kinder aus Familien mit heterosexuellen Eltern lesbisch oder schwul.
Ferner zeigen diese Studien, dass auch keine Unterschiede bezüglich des Geschlechtsrollen-Verhaltens und der von den Kindern bevorzugten Idole und Freizeitinteressen bestehen und die Kinder in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung keinerlei Abweichungen gegenüber anderen Kindern aufweisen.
Im Gegenteil: Ähnlich wie bei Einelternfamilien weisen Kinder aus Regenbogenfamilien ein größeres Maß an Akzeptanz und Einfühlungsfähigkeit gegenüber anderen Menschen auf, sie sind sensibler für Geschlechterrollen und Kompetenzen von Frauen und Männern und lernen in ihrer Familie einen partnerschaftlichen Erziehungsstil und eine egalitäre Rollenverteilung ihrer Mütter respektive Väter kennen. Sie bringen deshalb in spätere eigene Partnerschaften das Modell einer egalitären Rollenverteilung mit, was sich positiv auf diese Beziehungen auswirkt.
Die Tatsache, dass die Regenbogenfamilie aus Eltern des gleichen Geschlechts besteht, heißt nicht, dass den darin aufwachsenden Kindern der heterosexuelle (männliche oder weibliche) Elternteil fehlt und sie deshalb eine psychische Fehlentwicklung durchlaufen. Diese Kinder »nehmen« sich die Aspekte des nicht in der Familie lebenden Elternteils von anderen Frauen und Männern aus dem familiären Kreis und dem weiteren Umfeld und nutzen sie zur Identifikation. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Kinder sich ja nicht mit »dem« Vater oder »der« Mutter, sondern mit bestimmten Aspekten der beiden Eltern identifizieren.
Von Kritikern, so auch von Maaz, wird mitunter geäußert, es brauche in Gestalt der Eltern zwei Geschlechter für das Kind, damit es von der Mutter Einfühlung und Geborgenheit erfahre, vom Vater aus der Symbiose mit der Mutter befreit und in die Welt hinausgeführt werde. Diese Überlegung ist insofern unhaltbar, als hier am biologischen Geschlecht soziale Rollen festgemacht werden.
Gerade die modernen Bindungstheorien besagen, dass es zur gedeihlichen Entwicklung eines Kindes »einer« emotional verlässlichen Person, egal ob weiblich oder männlich, bedarf. Die soziale Realität wird von der Umgebung auch ohne einen in der Familie lebenden Dritten an das Kind herangetragen. Außerdem drängt das Kind durch die Reifung seiner Ich-Funktionen selbst danach, sich der Welt zuzuwenden und sie zu erforschen. Aus der modernen Säuglings- und Kleinkindforschung ist mittlerweile bekannt, dass Kinder von früh auf dialog- und sogar trialogfähig sind.
Die Chance der Regenbogenfamilien
Absurd wird eine solche Argumentation, wenn man, wie Herr Maaz, so weit geht zu fordern, bei den Partnerinnen beziehungsweise Partnern in Regenbogenfamilien müsse zumindest eine deutliche Rollendifferenzierung hinsichtlich »männlich« und »weiblich« bestehen. Mit diesem die Dichotomie der Geschlechterrollen beschwörenden Argument würde die große Chance einer egalitären Rollenverteilung in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften verspielt. Die in Regenbogenfamilien aufwachsenden Kinder würden gerade das verlieren, was ihnen diese Familienform an Vorteilen bietet: nämlich ihre erhöhte Sensibilität für Geschlechterrollen und Kompetenzen von Frauen und Männern.
Fasst man die Befunde der uns vorliegenden Studien zur Entwicklung von Kindern aus Regenbogenfamilien zusammen und berücksichtigt die positiven Erfahrungen, die Jugendämter bei der Vermittlung von Pflegekindern an gleichgeschlechtliche Paare machen, so kann man sagen, dass diese Kinder nicht nur eine gleich gute Entwicklung durchlaufen wie Kinder aus Familien mit zwei heterosexuellen Eltern; unabhängig davon, ob sie zunächst in ihrer Familie Eltern beider Geschlechter oder von Beginn an Eltern des gleichen Geschlechts erlebt haben, weisen sie in einiger Hinsicht sogar einen Entwicklungsvorsprung auf. Das Fazit lautet dementsprechend: Lesbische Mütter und schwule Väter sind in gleicher Weise befähigt, Kinder zu erziehen wie heterosexuelle Eltern, und sie bieten ihren Kindern gute Entwicklungsmöglichkeiten.
