Was mir wertvoll ist …
Besteuert mich – und bitte nicht zu knapp
Steuergerechtigkeit ist mir wertvoll. Gerade, weil dann auch ich mehr bezahlen müsste. So weit, dass ich nicht mehr arbeiten müsste, bin ich zwar nicht, aber ich stehe so viel besser da als die meisten anderen Menschen. Ich habe eine Eigentumswohnung und bekomme aus Immobilienbesitz Mieteinnahmen. Das finanzielle Polster und die Sicherheit, die Eigentum vermittelt, machen mich zu einem unabhängigen Menschen, und das empfinde ich als ein Privileg, das allerdings viel zu wenigen Menschen zuteilwird. Aber ich kenne auch die andere Seite der Medaille. Bis meine Mutter starb, war ich ein Berliner Student mit den gleichen Sorgen und Nöten wie alle anderen. Zum Beispiel eine Wohnung oder ein WG-Zimmer zu bekommen. Für jede halbwegs günstige Wohnung stehen die Menschen in Berlin Schlange und je schmaler der Geldbeutel, desto größer das Ohnmachtsgefühl, wenn wieder einmal jemand anderes den Zuschlag bekommen hat. Nachdem ich geerbt hatte, war alles anders. Plötzlich rissen sich die Makler darum, mir eine Wohnung verkaufen zu dürfen. Schlange stehen musste ich nicht mehr, genug Auswahl gab es auch, und für dieses Privileg hatte ich nicht das Geringste getan. Aber die finanziellen Vorteile sind ja nicht die einzigen Privilegien vermögender Menschen. Viele von ihnen haben qua Familie ein ausgeprägteres Selbstverständnis und einen anderen Habitus. Sie haben eine ungleich höhere soziale Stellung, sehr viel mehr Bildungschancen, eine viel größere kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe – und mehr Einfluss und Macht. Niemand kann wirklich daran interessiert sein, diese Gräben noch zu vertiefen. Seit ich selbst geerbt habe, interessieren mich die politischen Hintergründe der sozialen Verwerfungen in diesem Land. Derzeit besitzen 3300 Superreiche fast ein Viertel des gesamtes Vermögens. Millionenbeträge, auf die fast keine Steuern gezahlt werden, während Arbeit – und damit echte Leistung – mit bis zu 40 Prozent versteuert wird. Im vergangenen Jahr wurden bei uns 121,5 Milliarden Euro verschenkt oder vererbt – und das ist nur das versteuerte Vermögen. Experten rechnen eher mit 500 Milliarden. Das ist mehr als der gesamte Jahreshaushalt des Bundes. Auch die Schere in Bezug auf die Gehälter hat sich extrem geöffnet. Die DAX-Vorstandsgehälter liegen mittlerweile zwischen zwei und zehn Millionen pro Jahr und der Durchschnittsverdienst eines Facharbeiters bei 38 700 Euro. Das sind Zahlen, die jeden von uns umtreiben sollten. Deshalb unterstütze ich, obwohl ich selber Erbe bin, die Forderung »tax me now«. Besteuert mich – und bitte nicht zu knapp.
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Yannick Haan (38) hat Interkulturelle Kommunikation studiert und arbeitet für einen Thinktank in Berlin zu Fragen der Digitalisierung. Im zurückliegenden Jahr erschien sein Buch »Enterbt uns doch endlich!« im Trabanten Verlag. Ehrenamtlich engagiert er sich für die SPD und ist Vorsitzender der Partei im Bezirk Berlin-Mitte. Sein größtes Anliegen: Die Schere, die in Deutschland zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, weitgehend zu schließen. Obwohl selbst ein Erbe, möchte er zusammen mit der Nichtregierungs- organisation »tax me now« und dem »Netzwerk Steuergerechtigkeit« erreichen, dass das leistungslose Vermögen der Wenigen in diesem Land deutlich höher besteuert wird als die Arbeit der Vielen.

