Glaubwürdig ...
»Fürchte Dich nicht!«
Ich traue meinen Ohren nicht. Glaubt dieser freundliche und weltgewandte Professor der Medienwissenschaft in Budapest wirklich, dass Europa bald vollständig islamisiert ist und dass einzig Ungarn die Fahne des Christentums hochhalten wird? Und wie kann er ernsthaft denken, dass sich dann von Ungarn ausgehend der allgegenwärtig gewordene Islam nach einem furchtbaren Endkampf zum katholischen Christentum bekehren wird? Ich kannte solche apokalyptischen Szenarien bisher nur aus dem Geschichtsunterricht. Ich wusste, dass Christen offenbar in der Spätantike so gedacht haben. Ein apokalyptischer Endkampf und eine vorübergehende Herrschaft des Antichristen, bevor das Christentum wieder die Herrschaft übernimmt und das tausendjährige Reich anbricht – genau das war die Propaganda des letzten großen oströmischen Kaisers Herakleios. Mit solchen wirren Ideen setzte sich der Islam in seiner Gründungszeit auseinander – und durchbrach wohltuend rational und ruhig ihre Emphase. Bisher dachte ich, dass wir durch die Aufklärung ein solch krudes Denken überwunden hätten. Mein ungarischer Freund macht mich darauf aufmerksam, dass ich hier nicht mit einer Außenseiterposition konfrontiert bin, sondern mit dem, was viele Ungarn heute glauben. Mit dieser Position habe Viktor Orbán triumphal die letzten Wahlen gewonnen. Und auch in Deutschland werden ja neuerdings Bücher zu Bestsellern, die darüber schwadronieren, dass schon rein demografisch der Islam Europa bald beherrschen wird.
Sie haben bereits ein
-Abo? Hier anmelden
Klaus von Stosch
ist Professor für Katholische Theologie und leitet das Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften an der Universität Paderborn, wo Christen, Juden und Muslime interreligiös
zusammenarbeiten.

