Ein Buch fürs Leben …
Die Rebellin
1968 war der Höhepunkt der Studenten- und Bürgerrechtsbewegungen. 1968 war das »Politische Nachtgebet« ein maßgeblicher Anstoß für mich, christlichen Glauben und emanzipatorisch-solidarisches Handeln zusammen zu denken. Das Politische Nachtgebet wurde beim 82. Deutschen Katholikentag 1968 in Essen gefeiert, dann vier Jahre in Köln und anderswo. Das Gesicht des Nachtgebets war neben Heinrich Böll, Fulbert Steffensky und Vilma Sturm vor allem Dorothee Sölle. 1969 erschien der erste Gedichtband der Theologin und Literaturwissenschaftlerin. So kam ich über das Nachtgebet, ihre Gedichte und Essays in Kontakt mit ihrem Denken, ihrem Glauben und ihrer Persönlichkeit. Im Kontext des Politischen Nachtgebets entstand Sölles legendäres Gedicht mit acht Strophen »Meditation über lukas 1«, in dem sie das Magnifikat mit ihrer feministischen Befreiungstheologie ins Hier und Heute holte und es in einen rebellischen Text umwandelte: »meine seele sieht das land der freiheit / und mein geist wird aus der verängstigung herauskommen / die leeren gesichter der frauen werden mit leben erfüllt / und wir werden menschen werden / von generationen vor uns den geopferten erwartet«. Das Gedicht geht mir bis heute nach. Von ihren vielen Büchern war »Mystik und Widerstand« (Piper Taschenbuch) neben »Lieben und arbeiten« eins, das mich besonders ansprach. Das »antiautoritäre Element« von Religionen als Quelle des Widerstands gegen alle Zersplitterung, Entsolidarisierung und für Lebensfülle und friedliche Koexistenz verdichtete sich in ihrer mystisch-widerständigen Lyrik.
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Norbert Copray
ist
geschäftsführender
Direktor der
Fairness-Stiftung.
Er leitet seit 1977
das Rezensionswesen
von Publik-Forum

