Das Leben ist nicht fair
Ein ungewöhnliches Schild für eine Arztpraxis. »Ich würde mich weigern, an einen Gott zu glauben, den ich verstehen könnte«, so hängt es im Empfangszimmer. Darunter ist der Satz als Zitat von Graham Greene ausgewiesen. Beim Arzt über Gott reden? Und noch dazu so!? So – demütig!? Normalerweise wohl eher nicht. Obwohl es in mancher Arztpraxis und in manchem Krankenzimmer oft genug um Leben und Tod geht, unvermittelter oft als beim kirchlichen Sonntagsgottesdienst. Um Trauer, Schock, Angst, weil eine Krankheit alles durcheinanderschüttelt, was bislang fest schien. Weil Lebenspläne umgeworfen werden müssen und einem ins Bewusstsein kommt, dass das Leben nicht selbstverständlich ist. Und nicht unendlich. Der Satz an der Wand beeindruckt mich: »Ich würde mich weigern, an einen Gott zu glauben, den ich verstehen könnte.« Klingt irgendwie mutig. Klingt so, als wären die Ärzte nicht die letzte Instanz in diesem Ärztehaus. Aber auch nicht Angst, Krankheit und Tod. In das Ärztehaus mitten in München kommen auch Menschen in tiefen Krisen, denn neben Allgemeinmedizinern haben sich einige Psychiater in dem alten Stadthaus zusammengetan. Einer der Ärzte, die hier als Psychiater und Psychotherapeuten arbeiten, ist Kai Besserer. »Das Leben folgt keinem Plan«, sagt er, als wir uns an seinem Schreibtisch zusammensetzen – natürlich mit dem gebotenen Corona-Vorsorge-Abstand, »auch wenn uns suggeriert wird, dass das Leben planbar sei. Wir beginnen hilflos, wir gehen in der Regel hilflos. Und was wir lernen müssen, ist eine Portion Demut: die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen.«
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Matthias Morgenroth ist Theologe, Journalist und Autor zahlreicher Sach- und Kinderbücher. Er lebt in München.

