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Unterm Brennglas …
»Wertvolle« und »wertlose« opfer

von Florian Zollmann vom 18.09.2024
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In ihrem 1988 erschienen Klassiker der Medienkritik Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media (das Buch ist 2023 erstmals im Westendverlag in deutscher Sprache veröffentlicht worden, mit dem Titel: Die Konsensfabrik: Die Politische Ökonomie der Massenmedien, Anmerkung der Redaktion) verwiesen der verstorbene Ökonom Edward S. Herman und der Linguist Noam Chomsky auf eine Propagandarolle der Medien in Demokratien. Herman und Chomsky belegten, wie die wichtigsten Nachrichtenmedien in den USA Doppelstandards bei der Bewertung von Menschenrechtsverletzungen anlegen. Demnach seien Leidtragende von staatlichen Repressionen in sogenannten Feindesstaaten wie der ehemaligen Sowjetunion von den Medien als »wertvolle Opfer« eingestuft worden, wohingegen die Medien Leidtragende von ähnlicher staatlich angeordneter Gewalt durch die USA oder ihre Verbündeten als »wertlose Opfer« klassifizierten. Laut Herman und Chomsky würden die Medien unterschiedliche Maßstäbe ansetzen: Aktionen, die als eine Abscheulichkeit betitelt würden, wenn Feindesstaaten sie begingen, präsentierten die Medien als Nebensächlichkeiten, wenn der eigene Staat und seine Verbündeten die Täter seien. Das belegen Herman und Chomsky anhand zahlreicher Fallstudien. So verglichen sie beispielsweise die Medienberichterstattung über die Völkermorde von Diktator Pol Pot und den Roten Khmer an der Bevölkerung Kambodschas und durch Indonesiens Militärdiktatur an der Bevölkerung Osttimors, die fast gleichzeitig in den 1970er-Jahren stattfanden. Bei Pol Pot in Kambodscha habe es sich um einen offiziellen Feind der USA gehandelt und die Medien hätten daher von Beginn an mit einer überwältigenden Empörung über die Gräueltaten berichtet. Im Gegensatz dazu habe Indonesien materielle und diplomatische Unterstützung von den USA erhalten und die Medien hätten sich geweigert, über Osttimor zu berichten. Laut Herman und Chomsky sei die Medienberichterstattung über Osttimor genau dann stark zurückgegangen, als die vom indonesischen Militär begangenen Gräueltaten, die mit der Unterstützung der USA durchgeführt worden seien, anstiegen. Die Voreingenommenheit der Medien habe sich auch dadurch gezeigt, dass diese in ihrer Berichterstattung über Kambodscha die Berichte von Flüchtlingen als Quellen verwendet hätten, um eine ideologisch dienliche Empörung darzustellen, wohingegen die Berichte von Zeugen aus Osttimor, die damals New York und Washington erreicht und daher von den Medien ebenfalls als Quellen hätten verwendet werden können, ignoriert worden seien. Herman und Chomsky argumentierten, dass die Medien über »wertvolle Opfer« prominent und dramatisch berichteten und deren Viktimisierung detailreich ausbreiteten, was wohlwollende Emotionen bei den Rezipienten erzeugte. Über »wertlose Opfer« sei demgegenüber nur mit minimaler Humanisierung und wenig Kontext berichtet worden, sodass die Berichterstattung das Publikum kaum aufgeregt oder wütend gemacht habe. Obwohl diese Art der Berichterstattung groß angelegt stattgefunden habe, seien sich Medien, Intellektuelle und Öffentlichkeit dieser Muster nicht bewusst gewesen. Das sei ein Beleg für ein sehr effektives Propagandasystem, schrieben Herman und Chomsky. Seit fast einem Jahr berichten die Medien so gut wie täglich vom Krieg zwischen Israel und den Palästinensern. Und auch an diesem Konflikt lässt sich nachweisen, dass Herman und Chomskys vor über 35 Jahren aufgestellten Thesen zu »wertvollen« und »wertlosen« Opfern noch heute Gültigkeit haben.

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