Gemeinsam sind wir stärker
Was haben Wanderheuschrecke, Hering und Star gemeinsam? Drei Arten aus ganz unterschiedlichen Verwandtschaftsgruppen: Sie haben im Verlauf von Millionen Jahren ihrer biologischen Evolution und völlig unabhängig voneinander – vermenschlichend ausgedrückt – die gleiche Lebensversicherung abgeschlossen. Es sind Tiere, die in Schwärmen leben, zumindest zeitweise, und die nicht besonders wehrhaft sind. Ihre Verteidigung gegen angreifende Fressfeinde ist das Zusammenrücken, die Zugehörigkeit zu einem starken Kollektiv der Schwachen. Ist beispielsweise ein Wanderfalke in Jagdstimmung, sind einzeln umherfliegende Tauben eine leichte Beute für ihn, denn er kann sie gezielt anfliegen und in der Luft attackieren. Ein Schwarm aus mehreren Dutzend Staren hingegen ist kein so einfaches Ziel. Um einen Star zu erwischen, muss der Falke zunächst ebenfalls ein bestimmtes Individuum aus der Ferne anvisieren und dann anfliegen. Doch im Schwarm wechseln die Stare ständig ihre Position: Wer gerade noch außen flog, ist kurz darauf im Inneren, der Falke muss alle paar Sekunden einem anderen Ziel zustreben, und häufig genug dreht er ohne Beute ab. Ähnliche Probleme hat ein Schweinswal, der einen Heringsschwarm angreift.
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Karl-Heinz Wellmann ist Verhaltensbiologe und Wissenschaftsjournalist. Er lebt in Frankfurt am Main.

