Liebe Leserinnen, liebe Leser,
von welcher Zukunft träumen Sie? Träumen Sie überhaupt noch? Wenn man Beobachtern glaubt, dann ist uns nämlich die Zukunftshoffnung abhanden gekommen. Jedenfalls in dem Sinne, wie wir es viele Jahre und Jahrzehnte gewohnt waren, an die Zukunft zu denken oder gar an sie zu glauben.
Die Moderne, so beschreibt es etwa der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa, war so erfolgreich und so verheißungsvoll, weil alles auf eine bessere, schönere, hellere Zukunft hinauszulaufen schien. Dass die Kinder es einmal besser haben werden, das war Motivation und Sinnstiftung zugleich. Aber diese Lebenseinstellung ist ganz offenbar an ein Ende gekommen. Jetzt beobachtet der Soziologe, »dass sowohl Eltern als auch Kinder sagen: ›Wir müssen alles tun, was wir können, damit es der nachfolgenden Generation nicht viel schlechter gehen wird als uns‹ «.
Zukunft begegnet uns in den alltäglichen Nachrichten vor allem als Ansammlung von Krisen und Katastrophen. Wir gehen nicht mehr auf eine verheißungsvolle Zukunft zu, sondern laufen vor einem Abgrund weg, der uns von hinten einholt, so beschreibt es Hartmut Rosa in seinem Büchlein »Demokratie braucht Religion«. Die Folge ist, dass wir der Welt und der Umwelt, unseren Mitmenschen und uns selbst in einem ausgeprägten Aggressionsverhältnis begegnen. Das können wir alltäglich beobachten, in der großen und der kleinen Politik, in den Medien, im Umgang miteinander. Denn wir können nicht gut leben ohne ein Morgen. Die Frage ist also, ob wir ein neues Verhältnis zur Zukunft gewinnen können. Eines, das die Krisen nicht leugnet, sich aber auch nicht von ihnen gefangen nehmen lässt. Die Menschen der Bibel erzählen von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Und in der Art, wie sie davon berichten, wird deutlich, welche Nöte ihnen das Leben schwer gemacht haben. Zukunftsmut als Gegensatz zur Zukunftsangst meint deshalb auch: Wir dürfen durch Rückschläge nicht zynisch werden oder die Verantwortung aus der Hand geben. Das wäre unfair gegenüber den nachkommenden Generationen, die ja mit ihren Ideen und ihrem Mut wiederum ihren eigenen Beitrag für eine lebenswerte Zukunft leisten wollen.
Es ist klug zu hoffen. Dazu raten auch die Autorinnen und Autoren in ihren Beiträgen in diesem EXTRA Thema. Sie erzählen von Menschen, die intensiv an der Gestaltung der Zukunft arbeiten. Das hat eine gesellschaftliche Dimension, etwa in der Frage, welche Werte uns zukunftsfähig machen, wie neue Lösungen für die großen Zukunftsfragen gedacht werden können. Es hat aber immer auch eine ganz persönliche Dimension, im Nachdenken etwa darüber, welche Hoffnungsbilder uns durch die Höhen und Tiefen des Lebens tragen. Und wenn Hoffnung sich mit Tatkraft paart, kann daraus ansteckende Zukunftslust erwachsen.
Lothar Bauerochse
Lothar Bauerochseist evangelischer Theologe und Journalist. Er arbeitet in der Religionsredaktion des Hessischen Rundfunks und lebt in Heidelberg

