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Der Mensch, das Augentier

Über unsere Vorfahren, die von Ast zu Ast sprangen, das Missverständnis von Leonardo da Vinci und niedliche Puppen mit Wasserköpfen
von Karl-Heinz Wellmann vom 28.04.2016
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Der Mensch gilt weithin als ein Augentier. Wir werfen Unbekannten zunächst einen prüfenden Blick zu, und wir tasten auch potenzielle Sexualpartner oder Sexualpartnerinnen per Blickkontakt ab. Sprich: Wir verhalten uns völlig anders als zum Beispiel unser Haushund, der die Welt um sich vor allem anhand ihres Geruchs beurteilt. Diese Unterschiede sind im Verlauf unserer Stammesgeschichte entstanden: Alle Vorfahren der Hunde und Wölfe haben seit jeher am Boden gelebt, die frühen Vorfahren des Menschen hingegen im Geäst der Bäume. Jeder Affe, der beim Hüpfen von Baum zu Baum Entfernung und Tragkraft der Zweige nicht richtig einschätzen kann, fällt im wörtliche Sinne aus dem Gang der Evolution heraus – er stürzt zu Tode und hat keine oder zumindest weniger Nachkommen als seine klarer sehenden und daher präziser springenden Artgenossen. Erst vor allenfalls vier Millionen Jahren stiegen unsere Ahnen von den Bäumen herab – zunächst noch »behaart und mit böser Visage«, wie Erich Kästner dichtete – und wurden schließlich zum Homo sapiens, zum anatomisch modernen Menschen. Der britische Zoologe und Publizist Desmond Morris bezeichnete ihn 1967 in einem Bestseller recht treffend als »nackten Affen«. Statt als Nacktaffen könnte man uns allerdings auch als »Nachtaffen« bezeichnen: Schließlich besitzen wir 120 Millionen Sinneszellen pro Auge für das Schwarz-Weiß-Sehen in der Dämmerung und bei Sternenlicht, aber nur 6 Millionen Sinneszellen für das Farbensehen am gleißend hellen Tag. Dieser gewaltige Unterschied zwischen beiden Varianten der Fotorezeptoren in unseren Augen dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass unsere Ahnen noch lange, nachdem sie zum Leben auf dem Erdboden gefunden hatten, nachts auf Schlafbäume kletterten. Unser erst im Jahr 2015 wissenschaftlich beschriebener, angeblich 2,5 Millionen Jahre alter Ur-Vetter Homo naledi aus Südafrika ging beispielsweise aufrecht, er hatte aber noch gebogene Fingerknochen wie ein Schimpanse; das wird als Hinweis auf häufiges Hangeln im Astwerk gedeutet. Dort war man nachts sicherer vor Fressfeinden als am Boden, und wenn Raubkatzen den Baum erklommen, konnte man ihnen dank der guten Nacht-Sehfähigkeit noch rechtzeitig entkommen.

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