»Du musst da vorne sitzen «
Demut in der Politik? Gibt es das? Ist Demut in der Politik überhaupt angebracht und möglich? Wo es in ihr doch um Macht geht. Gehen muss, um gestalten zu können. Heißt es doch gerade in der politischen Sphäre: Tue Gutes und rede darüber! Wer als Politiker nicht wahrgenommen wird, den gibt es nicht, den kennt das Wahlvolk nicht, der wird nicht wiedergewählt. Bescheidenheit und Demut erscheinen deshalb als so ungefähr das Falscheste, was ein Politiker leben kann. Denn die politische Sphäre ist schließlich auch eine Bühne, auf der nur derjenige eine Rolle spielen kann, der sichtbarer und hörbarer Akteur sein will. Also Vorteil für die Angeber und die Auffälligkeitsbegabten; für die mit einem großen Ego, mit Selbstinszenierungsbegabung, die sich auf dem Feld der Eitelkeiten, das die Politik auch ist, behaupten können?
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Wolfgang Thierse, Kulturwissenschaftler und Germanist, war Mitglied der frei gewählten Volkskammer und Vorsitzender der SPD in der DDR. Von 1990 bis 2013 Bundestagsabgeordneter war er viele Jahre Bundestagspräsident und -vizepräsident und stellvertretender SPD-Parteivorsitzender. Thierse war Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und ist Mitherausgeber von Publik-Forum. Er lebt in Berlin.

