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Was seht ihr in mir?

Das nicht Hineinpassen in diese Welt mit ihrer Entweder-Oder-Ordnung ist die Wunde, um die der Roman »Blutbuch« kreist – und die Kim de l’Horizon zu heilen versucht
von Armin Rohrwick vom 26.01.2023
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Kim de l’Horizons preisgekrönter Debütroman »Blutbuch« ist die literarische Darstellung der Lebensgeschichte, der Gedanken, Gefühle und körperlichen Erfahrungen eines Menschen, der sich als nonbinär definiert: Die Erzählfigur des Romans fühlt sich also weder als Frau noch als Mann, oder positiv gewendet, sie empfindet sich als Frau wie auch als Mann. Mit dieser schmerzlich erlittenen und zugleich lustvoll gelebten Absage an die strikte Zweiteilung der Geschlechter berührt Kim de l’Horizon einen wunden Punkt unserer Gesellschaft, was in den heftigen konträren Reaktionen auf die Verleihung des Deutschen Buchpreises im Herbst 2022 an den queeren Autor deutlich wurde. Auf der einen Seite wurde Kim de l’Horizon enthusiastisch als selbstbewusste Stimme einer diskriminierten Minderheit gefeiert. Allein schon sein*ihr glamouröser Auftritt im grün glitzernden Paillettenrock und mit Federboa, mit leuchtend rot geschminkten Lippen unterm dichten Schnurrbart, dem a cappella vorgetragenen Song »Nightcall« statt einer Dankesrede und der eigenhändigen Rasur seines*ihres Kopfes als Solidaritätsgeste mit den rebellierenden Frauen Irans wirkte wie der Einbruch einer exotisch-schrillen, ebenso überschwänglichen wie sensiblen Subkultur in die gepflegte Langeweile bürgerlicher Hochkultur. Zum anderen füllten sich die Social-Media-Kanäle des DuMont-Buchverlags, dort ist der Roman erschienen, binnen weniger Stunden mit Schmähungen, Hasstiraden und Drohungen, sodass der Verlag für den*die Autor*in einen Personenschutz während der Frankfurter Buchmesse organisieren musste. Kim de l’Horizon berichtete daraufhin zwei Tage später in der Neuen Zürcher Zeitung von einem doppelten Angriff auf seine*ihre Person, keine drei Wochen vor der Preisverleihung: In Berlin schlug ihr*ihm an der U-Bahn-Station ein Mann die Faust ins Gesicht mit den Worten: »Normale Schwuchteln kann ich mittlerweile schlucken, aber du bist mir einfach zu viel.« Den zweiten Schlag erhielt Kim de l’Horizon von dem bald aus dem Amt scheidenden Schweizer Bundesrat Ueli Maurer, der auf einer Pressekonferenz sagte: »Ob meine Nachfolgerin eine Frau oder ein Mann ist, ist mir egal. Solange es kein ›Es‹ ist, geht es ja noch.« Kim de l’Horizon wendet sich an die beiden so unterschiedlichen Männer: »Was (…) ist so schlimm an meinem Körper, dass ihr ihn schlagen und aktiv von politischer Führung ausschliessen möchtet? (…) Was, ihr um euch schlagenden Männer, seht ihr in mir, das euch dermassen bedroht?« Und gibt sich selbst die Antwort: »Dass hier ein Mensch steht, der nicht hineinpasst, der, obwohl er ständig herumgeschubst wird, wieder hinsteht, dem gesagt wird, er sei peinlich, hässlich, monströs, ausserirdisch, und der sich dennoch nicht versteckt, sondern für sich, für seine Monstrosität einsteht?«

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