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Immer in Bewegung gehalten

vom 29.01.2022
von Christoph Rinneberg, Ober-Ramstadt

Guten Tag, werte Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde bei Publik-Forum,

sehr gerne nehme ich die anregende Bitte auf, zum 50. Geburtstag einen Beitrag für diese Zeitschrift zu erstellen, die mich spätestens seit dem Berliner Kirchentag 1977 – 08.- bis 12 Juni – durchgehend begleitet hat.
Der Vorgänger dieser seitdem Lebenskraft ausstrahlenden Zeitschrift war die von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) getragene Zeitschrift Publik, die als Folge des 2. Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) im Jahr 1967 beschlossen wurde und von 1968 bis 1971 vertrieben werden konnte, bis die DBK sie einstellte. Es waren jene bewegten Jahre, in denen 1967 Studentinnen und Studenten in der Uni Hamburg sich mit der Devise »Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren« unüberhörbar zu Wort gemeldet hatten, Auftaktgeber der 68er Protestbewegung in unserm Land.

Während des Berliner Kirchentages – »Einer trage des anderen Last« – war es 1977 unserem Freund Heinz Missalla gelungen, mit einer relaltiv kleinen Gruppe die Deutschland-Halle in Berlin zu füllen, von der eine starke Aufbruchstimmung ihren Anfang nahm. Nicht mehr genau zuordnen kann ich das Datum, an dem ich unter der Nummer 9501 Abonnent bei Publik-Forum wurde und bis heute bin.

In unserer kleinen ökumenischen Initiative – meine Frau Margret als Katholikin und ich als Protestant – hat uns Publik-Forum nicht nur einfach als Medium begleitet, sondern uns bei all dem bewegt und in Bewegung gehalten, was seinerzeit bei uns und in den Jahren danach in Bewegung gekommen war. Es würde Seiten füllen, um auch nur die Titel all der Ausgaben aufzulisten, die im Grunde immer den Fokus auf das legten, was zu informieren der Kairos gekommen war, was es aufzuklären, zu verhindern oder zu befördern gab.

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Aktuell liegt derzeit ja die »Wiederauferstehung« jener unsäglichen Debatte um die Atomwirtschaft oben auf, die damals mit geradezu brachialer Gewalt durchgesetzt wurde, entgegen zum Beispiel dem Votum der Göttinger 18 Physiker unter Carl Friedrich Weizsäcker, das sich gegen die militärische Nutzung der Atomenergie gewandt hat. Sachkundigen war auch damals schon klar, dass sich eine physikalisch-technische Trennung von militärischer und ziviler Nutzung der Kernspaltung nicht nachvollziehbar aufrecht erhalten lässt. Es ist also höchste Zeit, gegen die zynische Verharmlosung der Atomwirtschaft als nachhaltige Form der Gewinnung elektrischer Energie zu Felde zu ziehen. Hier können Interessierte zum Beispiel auf das nach wie vor aktuelle Publik-Forum-Sonderheft von 1970 zurückgreifen, das die CO₂-Lüge der Atomlobby entlarvt hat. Am 31.12.2021 ist das Atomkraftwerk Brokdorf stillgelegt worden – und strahlt natürlich hochradioaktiv im Innern immer weiter. Eine verlässliche Entsorgung des ganzen radioaktiv verseuchten Abfalls wurde damals zwar (rhetorisch) gefordert, ist aber bis heute unerfüllbar geblieben.

Aus dem fast welten-weiten, geistrigen, religiösen Feld haben mich stets Texte von Dorothee Sölle und Fulbert Steffensky nicht nur wach, sondern vor allem in Bewegung gehalten. Ich erinnere hier an das Votum dieser beiden Leuchttürme in den oft künstlich dunkel gehaltenen amtskirchlichen Verlautbarungen. In zwei prägnanten Aussagen haben sie in Publik-Forum das auf den Punkt gebracht, was andernorts entweder unbekannt oder verdrängt wird: Der Glaube heilt die Vernunft – die Vernunft reinigt den Glauben. Die Vernunft kann in die Irre gehen (s. o.), und auch der Glaube kann in die Irre gehen.

50 Jahre lang ist Publik-Forum alles andere als leise gewesen – und das soll und muss auch so bleiben: Wir, die wir Publik-Forum als »unser« Medium wertschätzen, sind in den letzten Jahrzehnten bewundernswert viele geworden, wir dürften und könnten ruhig noch lauter sein, damit nicht die Zukunft vor allem unserer jüngeren Generation geklaut wird, die sich hier bei uns und in der Welt so wundervoll zu Wort gemeldet hat. Eine unabweisbare Verpflichtung unserer älteren Generation, die jahrzehntelang trotz kollektiv vorhandenem bestem Wissen nicht getan haben, was die Lebensgrundlagen unseres so vielfältig geschundenen Planeten längst gefordert haben.

»Glück auf« vermag ich da unserer Zeitschrift nicht einfach zu sagen – die uns beherrschenden Triebkräfte unserer Welt werden dafür »sorgen«, dass noch mehr zu Davids gegen die übermächtigen Goliaths werden. Denn »hart im Raume stoßen sich die Sachen« (Schiller, Wallensteins Tod).

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Winfried Belz
11.02.202211:56
Lieber Christoph,
in Deinem Beitrag begegnest Du mir mit Deiner ganzen Lebendigkeit - Danke!
Herzlichen Gruß
Winfried