Sexistische Werbung verbieten?
Almut Schnerring: »Ja! Denn Werbung beeinflusst enorm«
» Müssen wir akzeptieren, dass Frauen in unterwürfigen Posen für Parkettböden werben und fast nackt für Flugreisen? Werbung ist nicht gleich sexistisch, nur weil sie nackte Haut zeigt. Sie ist es aber, wenn diese keinen Bezug zum Produkt hat. Es macht eben einen Unterschied, ob eine Frau im Bikini für Bademoden wirbt oder für eine Metzgerei! Zumal am »Sex-sells«-Mythos gar nichts dran ist: Studien haben nachgewiesen, dass Nacktheit zwar Aufmerksamkeit erregt, Produkt und Hersteller aber in den Hintergrund rücken. Werbung will Bedürfnisse und Wünsche wecken. Sie ist keine Meinungsäußerung, sondern wirtschaftlich motivierte Manipulation. Kinder beeinflusst sie ganz besonders, sie können ironische Untertöne noch nicht entschlüsseln, überspitzte Darstellungen nicht entlarven – sie glauben, was sie sehen. Und das sind jede Menge Klischees vom technisch versierten Kerl oder der lächelnden Mutti mit Diätjoghurt. Geschlechtsdiskriminierende Werbung beeinflusst unser Bild von Weiblichkeit und Männlichkeit, von Rollenverteilung und Macht. Zu glauben, wir könnten uns diesem Einfluss entziehen, ist zu kurz gedacht: Seit Jahrzehnten wird erforscht, wie wir am besten zu beeinflussen sind, möglichst unbewusst. Ob Schuhe, Kekse oder Kindersitz: Mit jedem Produkt bekommen wir Gratisbotschaften zum gesellschaftlichen Kontext mitgeliefert. Sie prägen unser Weltbild, denn unser Gehirn macht keinen Unterschied zwischen Nachricht, Kinofilm oder Werbeplakat.
Der Werberat hat bei diesem Thema immer wieder versagt; er rechtfertigt auch die krudesten sexistischen Kampagnen. Weil es noch dazu keine Selbstverpflichtung der Branche gibt, braucht es, ähnlich wie bei Zigaretten- und Alkoholwerbung, ein Gesetz gegen Sexismus in der Werbung.«
Katja Suding: »Nein! Wir brauchen keine Sittenwächter«
»Deutschland braucht keine Geschmackspolizei. Ein Verbot vermeintlich sexistischer Werbung wäre ein weiterer Schritt in Richtung Bevormundungsstaat. Natürlich ist Werbung nicht selten geschmacklos. Mein Weltbild aber sieht den mündigen Menschen vor. Und der ist selbst in der Lage, unangemessene Werbung zu bestrafen, indem er das beworbene Produkt nicht kauft. Als Kundin und als selbstbewusste Frau entscheide ich, ob ich das Frauenbild, das Unternehmen mit ihrer Werbung zeichnen, unterstütze oder ablehne. Dabei darf es in einer offenen Gesellschaft durchaus unterschiedliche Auffassungen geben. Die Geschmäcker sind verschieden. Und auch schlechter Geschmack ist erlaubt. Es ist jedenfalls nicht Aufgabe des Staates, entsprechende moralische Restriktionen auszusprechen. Wer sollte die auch festlegen? Wollen wir allen Ernstes Gerichte darüber entscheiden lassen, ob Werbung für Unterwäsche – egal ob für Männer oder für Frauen – zu sexy für die Öffentlichkeit ist? Nein, wir sollten im Jahr 2016 weiter sein als das Deutschland der 1950er-Jahre, als Gerichte sich damit beschäftigen mussten, ob das Lächeln einer Frau nur freundlich war oder ob es die Herren zur »Unzucht anstiftete«.
Absurd finde ich, dass ausgerechnet die Ereignisse der Silvesternacht Anlass für diese Werbezensur sind. Männer sollen davon abgehalten werden, Frauen zu begrabschen, indem weniger nackte Haut gezeigt wird? Wir sollten doch gelernt haben, dass wir unsere freiheitliche Art zu leben verteidigen müssen. Ich jedenfalls will weiterhin in einem Land leben, in dem Verhüllung nicht zur Pflicht wird. Wer so wie Justizminister Heiko Maas argumentiert und in vorauseilendem Gehorsam Werbeverbote erlässt, kippt Wasser auf die Mühlen derer, die sich Sorgen wegen einer schleichenden Islamisierung machen.«
Katja Suding, geboren 1975, ist Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft und darin Vorsitzende der FDP-Fraktion. Seit 2015 ist sie eine der drei stellvertretenden FDP-Bundesvorsitzenden.
