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kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2017
Im Herzen die Freiheit
Iran: Reise in ein Land der Widersprüche
Der Inhalt:

Müssen Christen alle aufnehmen?

Die Frage »Kann man mit der Bibel Politik machen?« stellt sich heute in Bezug auf Flüchtlinge: Lässt sich das biblische Gebot, den Fremden aufzunehmen, auf die aktuelle Asylpolitik übertragen? Kritiker halten diese Position für gefährlich und schädlich für das Gemeinwohl. Müssen wir also alle willkommen heißen? Ein Streit, zu dem uns Ihre Meinung interessiert
Der Jesuit Frido Pflüger (linkes Bild) sieht Christen in der Pflicht, alle vor Not und Gewalt Fliehenden aufzunehmen, für den Theologen Ulrich Körtner lässt sich dagegen aus dem Gebot der Nächstenliebe keine Handlungsanweisung für die Politik ableiten (Fotos: privat)
Der Jesuit Frido Pflüger (linkes Bild) sieht Christen in der Pflicht, alle vor Not und Gewalt Fliehenden aufzunehmen, für den Theologen Ulrich Körtner lässt sich dagegen aus dem Gebot der Nächstenliebe keine Handlungsanweisung für die Politik ableiten (Fotos: privat)

Pater Frido Pflüger: »Ja! Das ist biblisches Gebot«

»Das biblische Gebot, den Fremden aufzunehmen, ist ohne Wenn und Aber und ohne Obergrenze formuliert. Im Libanon, wo Flüchtlinge ein Viertel der Bevölkerung stellen, mag es Diskussionen über die Grenzen dieses interreligiösen Gebots geben. Doch im »christlichen Abendland« stellt sich diese Frage allenfalls theoretisch. 65 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht vor Gewalt und existenzieller Not. In Deutschland wurden in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 95 000 Asylsuchende registriert.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 12/2017 vom 23.06.2017, Seite 8
 Im Herzen die Freiheit
Im Herzen die Freiheit
Iran: Reise in ein Land der Widersprüche

Einige katholisch geprägte EU-Länder wie Polen oder Ungarn verweigern sich fast völlig. Zuflucht gewähren meist Länder, die deutlich ärmer sind als Deutschland: 86 Prozent der Flüchtlinge werden von Entwicklungs- oder Schwellenländern aufgenommen. Derweil schiebt Deutschland Menschen sogar nach Afghanistan zurück. Obwohl wir seit dem Herbst 2015 doch wissen, dass wir so viel mehr können: Sechs Millionen Ehrenamtliche engagieren sich, damit Menschen nach der Flucht bei uns ein neues Leben beginnen können. Es tut weh zu sehen, dass Aufnahmeeinrichtungen wieder verwaisen und dass die Bundesregierung, statt diese Kapazitäten zu erhalten und das enorme Engagement zu fördern, eine Asylrechtsverschärfung nach der anderen beschließt.

Die entscheidenden Fragen sind: Wie nehmen wir die vergleichsweise wenigen Menschen, die es zu uns geschafft haben, menschenwürdig auf? Wie steht es um unser christliches Selbstverständnis, wenn unsere Gesetze jahrelang Eheleute voneinander und minderjährige Kinder von ihren Eltern trennen? Wie lange wollen wir noch zusehen, wie Menschen auf dem Weg nach Europa ertrinken? In den Worten von Papst Franziskus: ›Was ist mit dir los, humanistisches Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit?‹«

Ulrich Körtner: »Nein! Das ist fragwürdig«

»Dass Menschen geholfen werden muss, die vor Krieg oder Verfolgung aus politischen, religiösen oder ethnischen Gründen flüchten, steht außer Zweifel. Das ist nicht nur Christenpflicht, sondern ein Gebot der Menschlichkeit.

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Die Aufnahme von Flüchtlingen und Asylsuchenden ist freilich nicht nur eine Frage der Moral, sondern auch des Rechts und der Politik. Moral, Politik und Recht dürfen nicht getrennt werden, sie sind aber voneinander zu unterscheiden. Das Evangelium hat eine politische Dimension, aber zu ihr gehört auch die Unterscheidung zwischen der Sphäre des Politischen und dem Reich Gottes.

Es gibt eine Auffassung von politischer Theologie, die durch Moralisierung des Evangeliums das eigene Recht des Politischen infrage stellt und zur Abdankung der politischen Vernunft führt. Zwischen dem moralisch Gebotenen und dem politisch Richtigen ist auch aus Glaubensgründen zu unterscheiden. Aus dem Gebot der Nächstenliebe lassen sich keine erschöpfenden Handlungsanweisungen für eine langfristige Migrationspolitik ableiten.

Politik hat nicht nur die kurzfristigen, sondern auch die längerfristigen Folgen politischen Handelns zu verantworten. Eine Politik der offenen Grenzen wie eine fortlaufende Ausdehnung des Flüchtlingsbegriffs führen zum Ende einer rationalen Flüchtlings- und Migrationspolitik, die das Gemeinwohl im Blick hat. Um die Handlungsfähigkeit des Staates zu erhalten, ohne den es kein Asylrecht und keinen Schutz der Menschenrechte gibt, kann eine Begrenzung der Aufnahme von Flüchtlingen sogar moralisch geboten sein. Klar ist allerdings auch, dass die moralische und politische Verantwortung für geflüchtete Menschen nicht an den Landesgrenzen oder den Außengrenzen der EU endet.«

Kommentare
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thomas Slaby-Jansen
01.07.201719:30
Die Trennung des "Politisch Richtigen" vom "Moralisch Gebotenen" entspringt einer schizophrenen Grundhaltung, die das Gesetz über den Menschen stellt. Die langfristigen Folgen solchen Handelns sind längst einsichtig und führen zur Unterminierung der Menschenrechte, zur Erzeugung von Aggression und Gewalt, machen das Christentum unglaubwürdig. Jesu Gotteserfahrung eines liebenden Abbas steht dem diametral entgegen.
Albrecht Weller
29.06.201712:17
Je allgemeiner die Aussagen, desto unklarer werden sie. Einen Menschen, der mir begegnet, und dessen Leben in Gefahr ist, kann und darf ich nicht im Stich lassen, darin sind alle einig. Die Menschen auf einem Schiff, das im Meer untergeht, müssen gerettet werden. Wohin soll man sie bringen? Wer gibt ihnen Obdach und zu essen? So sieht es konkret aus. Sollen wir dann die Helfer im Stich lassen, sollen sie schauen, wie sie durchkommen, obwohl wir die Möglichkeit hätten sie zu unterstützen?
Martin Behnisch
28.06.201723:25
Wer Viele wirklich aufnehmen will, also ihnen im Land, in der Gesellschaft, im Herzen Lebensraum geben will, der kann nicht "alle aufnehmen". Weg von der abstrakten ethischen Forderung - hin zum wirklichen konkreten Tun! Dann ordnet sich das von selbst.
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