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Zu »Die Liebe in Zeiten von Corona«

vom 29.03.2020
von Gisa Luu, Frankfurt am Main

Als Rentnerin, die – gesundheitlich ohne Probleme – keinen Enkelkinder-Alltag organisieren muss, mit einem gesunden Ehemann zusammenlebt, noch dazu in einer geräumigen Wohnung mit Blick direkt auf den Frankfurter Stadtrand, fühle ich selber zurzeit nur unglaublich große Dankbarkeit, dermaßen privilegiert und sorglos leben zu dürfen! Hilfsangebote von Jüngeren aus der Umgebung, freundliche nachbarschaftliche Zurufe, entspanntes abstandgetreues Plaudern beim Warteschlangen-Stehen auf dem Wochenmarkt, vermehrte Kontakte am Telefon und per Mail, wärmende Erfahrungen! Der Verzicht aufs Chorsingen, der Verzicht auf einen belebenden Gottesdienst in meiner Gemeinde, das schmerzt. Zugleich erlebe ich bestärkende Freude bei allen Nachrichten über neue Kreativität und Besinnung, die in den Kirchen entwickelt wird und wie Frühlingspflanzen seltener Art zu sprießen beginnt; an der Wäscheleine mit den Gute-Worte-Angeboten der Riedberg-Gemeinde zum Beispiel führt mich der Weg jeden Tag vorbei; liebevolle Nachfragen, Gottesdienst-Sendungen meiner eigenen Gemeinde, berührende Hilfsangebote, die verbreitet werden. Das schenkt mir vor allem auch die erleichternde Hoffnung, dass die Kraft der Kirchen doch nicht am Ende ist!

Artikel in Zeitungen und Zeitschriften zu den grundlegenden Fragen, wie wir als Gesellschaft »hinterher« weiterleben wollen, die sprechen mich besonders an. Bitter allerdings, dass ich wie alle meine Freundinnen und Freunde auf die lange geplanten Ostermärsche verzichten muss – gerade in diesem Jahr zum 60. Geburtstag dieser Friedensarbeit. Das empfinde ich als harten Verlust. Umso mehr freue ich mich an den berührenden Zeichen der Liebe von der dezidiert christlichen meiner verschiedenen Friedensorganisationen, pax christi, freue mich, gerade jetzt häufig Nachrichten per Mail zu erhalten, bis hin auch zu spirituellen Anstößen. Ein Geschenk!

Dies ist mir umso tröstlicher, als ich leider zurzeit noch gar nicht erkennen kann, auf welchen Wegen es uns konkret »als den vielen an der kritischen Basis« gelingen können wird, nach dem Ende der harten Einschränkungen der akuten Krisensituation die Forderungen nach dem »Jetzt-aber-endlich-anders« umzusetzen: Forderungen nach solidarischen Werten in der Wirtschaft – Überwindung der Privatisierungen der Kliniken, schöpfungsbewahrendes, stärker regional betontes Wirtschaften, wertschätzende Bezahlung der Pflegefachkräfte, der Erzieherinnen, der Einzelhandelsbeschäftigten, Schutz für alle Geflüchteten, Überwinden der Wachstumsideologie: rundum eine lebensorientierte Gesellschaft an den wirtschaftlichen Hebeln wirksam aufzubauen.

Dass wir hierfür riesige Kräfte aufbringen müssen, zeigt mir in erschreckend entlarvender Klarheit eine Meldung aus dem Rüstungsbereich: Am 26. März wurde von den zuständigen Politikern eine grundlegende Vorentscheidung darüber getroffen, dass bis 2025 über die Hälfte aller Kampfbomber der Bundeswehr durch technisch hochentwickelte neue Bomber ersetzt werden sollen; milliardenschwere Ankäufe wurden vorbeschlossen; die Tornados, mit denen in Büchel der Einsatz der dort gelagerten US-Atomwaffen geübt wird, seien veraltet, Ersatz müsse her; die »nukleare Teilhabe« dürfe nicht aufgegeben werden. In dieser Meldung (nach dpa; sehr unkonkret auch Frankfurter Rundschau vom 27. März, Seite 10) keinerlei Verweis darauf, dass solche sinn-losen Ausgaben 1. in der jetzigen Krisensituation doch eigentlich unvorstellbar sind, 2. dass dies nicht zu erwähnen von bestürzender Schamlosigkeit zeugt, und 3. besteht offensichtlich der klare politische Wille, dass man das erlösende Konzept, welches seit bald zehn Jahren im Rahmen der Kirche – »Sicherheit neu denken – von der militärischen zur zivilen Sicherheitspolitik« – entwickelt wird, in keiner Weise zur Kenntnis nehmen möchte. Und dies alles genau auf den Tag, als vor zehn Jahren der Bundestag den Ausstieg aus der Erlaubnis, dort in Rheinland-Pfalz amerikanische Atomwaffen zu stationieren, fraktionsübergreifend beschlossen hatte!

Ich fühle mich durch diese Nachricht auch deshalb so hart verletzt, weil sie verdeutlicht, dass noch nicht einmal die Corona-Krise an dieser Stelle ein Umdenken bewirkt. Ja, was denn dann?

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Müssen wir denn erst allesamt getötet sein, bis sich die Rüstungspolitik ändern lässt?

Liebe – ja, das ist Vertrauen auf Gott, nicht auf sündhafte Waffen wie in Hiroshima!

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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