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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2019
Was ist heilig?
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Was ist heilig?

von Michael Schrom vom 20.06.2019
Kostbar, unverfügbar, sinnstiftend: Warum wir das Heilige auch heute brauchen. Die Titelgeschichte in der neuen Ausgabe von Publik-Forum
Was ist heilig? Heute ist nichts mehr sakrosankt; alte Vorstellungen von Heiligkeit gelten nicht mehr. Doch die Frage nach dem Heiligen verändert genau jetzt Mensch und Gesellschaft. (Foto: pa/Kappeler)
Was ist heilig? Heute ist nichts mehr sakrosankt; alte Vorstellungen von Heiligkeit gelten nicht mehr. Doch die Frage nach dem Heiligen verändert genau jetzt Mensch und Gesellschaft. (Foto: pa/Kappeler)

Heilig? Geht es nicht ein paar Nummern kleiner? Ratlos stehen viele Christen heute vor einem theologischen Großraumbegriff und kommen sich vor wie Besucher beim Betrachten einer mittelalterlichen Burgruine. Schön und erhaben, aber aus der Zeit gefallen. Heilige Orte? Klingt verdächtig nach Wohnstätten religiöser Eiferer und Schauplätzen ständiger Gewalt. Man denke nur an Jerusalem oder das indische Ayodhya, wo es immer wieder zu Gewaltexzessen zwischen Hindus und Muslimen kommt. Heilige Zeiten, die den Alltag unterbrechen und die Stimmung verändern? Vielleicht eine Fußballweltmeisterschaft. Heilige Menschen? Zu Lebzeiten schwer identifizierbar. Zudem ideologieverdächtig. Wenn sie selbst das Attribut für sich in Anspruch nehmen, besteht akuter Verdacht auf Machtmissbrauch. Wenn es ihnen vom Urteil der Masse verliehen wird, stellt sich die Frage nach den Kriterien. Was einer Epoche als besonders heroisch, tugendhaft und »heiligmäßig« vorkommt, kann von einer anderen möglicherweise nicht mehr nachvollzogen werden. Freilich: die katholische Kirche beansprucht immer noch, »Heiligkeit« nach festen Regeln in einem geordneten Verfahren feststellen zu können. Aber schon das zur Heiligsprechung notwendige Wunder, das auf die Fürsprache der jeweiligen Person zurückgehen soll, verrät magisches Denken. Und wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass Päpste – statistisch gesehen – die größte Chance haben, heiliggesprochen zu werden, Mütter und Ehefrauen dagegen die geringste. Diese Art, Heilige zu »erkennen« oder vorzustellen, dient wohl eher der Selbstsakralisierung der Institution Kirche, gerade in Zeiten des Bedeutungsverlustes. Im Übrigen wäre zu fragen, ob das Wort »Vorbild« nicht angemessener ist.

Evangelische Christen haben zwar

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