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kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2017
Reformation 2.0: Das wahre Erbe Martin Luthers
Der Inhalt:

Verliert der Kirchentag seinen Biss?

Allen wohl und niemand weh? Verkommt das große evangelische Christentreffen zu einer gelenkten Veranstaltung, bei der die Vertreter politischer, wirtschaftlicher und kirchlicher Macht dominieren? Ein Pro und Contra von Pfarrer Siegfried Eckert und Professorin Johanna Haberer
Ja, der Kirchentag hat seinen Biss verloren, meint Siegfried Eckert, Pfarrer in Bonn-Bad Godesberg und Synodalbeauftragter für den Kirchentag;  Johanna Haberer, Pfarrerin und Professorin für Christliche Publizistik an der Universität Erlangen, hält dagegen (Fotos: privat; epd/Lindörfer)
Ja, der Kirchentag hat seinen Biss verloren, meint Siegfried Eckert, Pfarrer in Bonn-Bad Godesberg und Synodalbeauftragter für den Kirchentag; Johanna Haberer, Pfarrerin und Professorin für Christliche Publizistik an der Universität Erlangen, hält dagegen (Fotos: privat; epd/Lindörfer)

Siegfried Eckert: Ja, man passt sich an

»Du siehst mich« lautet die Losung für Berlin. »Don’t worry, be happy« suggerieren dazugehörige Plakate in ernsten Zeiten. 140 000 Dauerteilnehmer wurden erwartet. Wenn die magischen 100 000 kämen, wäre man froh. In Hamburg waren noch 120 000 dabei; in Stuttgart nur 95 000. Das Vorzeigeunternehmen des Protestantismus verliert seine Jüngerschaft. Graswurzelbewegung war gestern. Englischer Rasen ist heute. VW passt als Sponsor gut ins Bild. Junge, politisch genehme, gendergerechte und telegene Gesichter und Themen schob man nach vorne. Verdiente Recken kamen aufs Abstellgleis. »Echt Kirchentag« heißt das Finale in Berlin. Was ist noch »echt« am Kirchentag?

Sein Gründer, Reinold von Thadden, wollte 1949 die geistige Protestantenelite um sich versammeln. Heute dominieren Macht- und Interessenvertreter. Nicht das Zentrum Frieden mit 38 Basisgruppen durfte 2015 in Stuttgart ran, sondern Präsidiumsmitglied Frank-Walter Steinmeier machte ein wenig in Frieden. Kirchentagspräsident und Pharmalobbyist Andreas Barner kümmerte sich um die Wirtschaft und Leitkulturminister de Maizière ums Kirchenasyl.

In Berlin wird Merkel neben Obama die größte Wahlkampfbühne aller Zeiten gebaut. Es leben 500 Jahre Thron und Altar und die Garnisonkirche in Potsdam! Passend zu diesem Top-down-Kuschelkurs dürfen die Brandstifter der AfD in einer Kirche mit Bischof Dröge talken. Bilder werden inszeniert, die allein einer Partei dienen! Statt Haltung in haltlosen Zeiten zu zeigen, sagt der DEKT: Dialog als Grundhaltung. Studienleiterin Lechner hat rübergemacht ins Außenministerium. Generalsekretärin Ueberschär geht zur Böll-Stiftung. Die neue Generalsekretärin kommt aus dem Bundespräsidialamt. »Drehtüreffekt« nennt man das. Möge das Priestertum aller Graswurzelgläubigen nach dieser eigenartigen Sause wieder mehr Chancen haben!

Johanna Haberer: Nein, man diskutiert

Als Wutchrist kennt Siegfried Eckert die Trennlinien, die ein »echter« Kirchentag ziehen müsste, allzu genau: keine Politiker, keine Funktionsträger der Kirche, keine Evangelikalen und Andersdenkenden.

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Es bringt nichts, den Zeiten nachzutrauern, als auf Kirchentagen Tomaten auf Politiker geworfen wurden und die Aktivisten unter den Protestanten polizeilich vom Eingang der Deutschen Bank entfernt wurden. Die Zeiten sind zu ernst, als dass man Schulterschlüsse und den Dialog verweigern dürfte: den mit den fundamental Frommen nicht und auch nicht den mit Politikern und Kirchenoberen. Die Kirchentage sind vielleicht die letzte große Institution, die einer Polarisierung der Gesellschaft Einhalt bieten kann, wie wir sie in Großbritannien, Frankreich, Ungarn und in den USA beobachten.

Ein »Ignoranzedikt« wäre da das vollkommen falsche Signal. Vielmehr müssen sich die Menschen guten Willens mit ihren Friedensressourcen in diesem Land zusammentun: Christen aller Couleur, Menschenfreunde aller Weltanschauungen, Demokraten aller Parteien. Haben wir nicht die interessante Lage, dass bekennende Christen in der Politik sich explizit aus der Deckung begeben und wie der Ministerpräsident von Baden-Württemberg ihr politisches Engagement christlich begründen?

Viele Regierungsmitglieder berufen sich in den aktuellen gesellschaftlichen Konflikten auf ihr christliches Gewissen. Eine konservative Kanzlerin riskiert den Wahlsieg und ihr Amt durch die spektakuläre Öffnung der Grenzen. Ein erzkonservativer Finanzminister versucht, dem regellosen Treiben der Hochfinanz Schranken zu setzen. Vielleicht ist da vieles zu wenig oder fragmentarisch, darüber wird zu streiten sein. Aber der ausschließend überhebliche Gestus, mit Eliten rede man nicht, geht am biblischen Auftrag, gemeinsam der Stadt Bestes zu suchen, vorbei.

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