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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2022
Die Kraft der Schwarzmalerei
Die Zukunft ist ungewiss, aber es kann helfen, mit dem Schlimmsten zu
Der Inhalt:

Zum Tod von Harald Pawlowski
Ungeduld mit langem Atem

von Richard Bähr vom 02.06.2022
Harald Pawlowski, der Gründer von Publik-Forum, ist tot. Mit heißem Herzen und kühlen Kopf hat er Unmögliches möglich gemacht. Wir trauern um einen mutigen Planer, Baumeister und Visionär.
Sehen, urteilen, handeln: Das war die Harald Pawlowskis Richtschnur. Er war ein Journalist mit klarem ethischem Kompass. Am 2. Juni ist er im Alter von 92 Jahren gestorben. (Foto: Publik-Forum / Pat Meise)
Sehen, urteilen, handeln: Das war die Harald Pawlowskis Richtschnur. Er war ein Journalist mit klarem ethischem Kompass. Am 2. Juni ist er im Alter von 92 Jahren gestorben. (Foto: Publik-Forum / Pat Meise)

Seine Maxime war: »Geht dorthin und schaut und schreibt, wo die Menschen keine Stimme und keine Lobby haben. Dort findet ihr die Wahrheit.« Das legte Harald Pawlowski den Mitarbeitenden von Publik-Forum ans Herz. Mit seinen Ideen, seinen Visionen, seinem Mut und seiner Hoffnung hat er Publik-Forum geprägt. Das wirkt bis heute. Am 2. Juni ist Harald Pawlowski, der Gründer von Publik-Forum, langjähriger Chefredakteur und Ehrenherausgeber, gestorben. Sein Beispiel lehrt, dass es lohnt, treu zu bleiben, sich keinen Moden und Zeitgeistern anzupassen und Ungeduld mit langem Atem zu üben.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 11/2022 vom 10.06.2022, Seite 6
Die Kraft der Schwarzmalerei
Die Kraft der Schwarzmalerei
Die Zukunft ist ungewiss, aber es kann helfen, mit dem Schlimmsten zu

Sehen, urteilen, handeln – das war Harald Pawlowskis Lebensmotto. Publik-Forum bedeutete für ihn Dialog und Toleranz. Niemals lauwarm. Immer mit heißem Herzen und kühlem Kopf. Er wollte die Welt zum Besseren verändern. Er wollte der Zukunft Beine machen. So war er. Bis zu seinem Tod. Und das erwartete er auch von seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

»Die Zukunft beginnt in jedem Augenblick«, nannte er sein Buch, in dem er sein Leben erzählt. Harald Pawlowski, der einst das Maurerhandwerk erlernte, träumte ursprünglich davon, Bildhauer zu werden, dann Baumeister und Städteplaner. Schließlich wurde er von allem etwas und noch mehr: ein Visionär, der Gemeinschaftshäuser baut, in denen alle Menschen – egal woher sie kommen und woran sie glauben – ihren Platz finden. Ein Zukunftsplaner für eine lebenswerte Welt unserer Kinder und Enkelkinder. Ein Baumeister für Frieden und Versöhnung auf Erden. Einer, der die Hoffnung nicht aus der Hand gab, sich solidarisch mit denen fühlte, die nicht von oben herab auf die Gesellschaft blickten. »Recherche von unten« nannte er seinen medienethischen Auftrag, den er an seine Journalisten-Kolleginnen und -Kollegen weitergab.

Das alles hat Harald Pawlowski in den Jahrzehnten seines Wirkens vorgelebt und vorgedacht. Immer musste etwas Neues passieren, seine schöpferischen Fantasien waren unendlich. Publik-Forum sollte nie langweilig werden, immer originell bleiben. Fast hellsichtig sah er Themen, Fragen und Diskurse auf die Gesellschaft zukommen, als noch niemand von ihnen sprach. Schon da dachte er über sie nach, plante und machte sich an die Arbeit.

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Hans Küng schrieb über ihn: »Mit Harald Pawlowski hatte Publik-Forum den Kopf, der zwar nie durch die Wand wollte, der aber dickschädelig genug war, um Bischöfen und Politikern, Pressionen von rechts und auch von links zu widerstehen. Ein Kopf, der bei allem Idealismus nie ins Schwärmen geriet, sondern nüchtern, klar und vor allem zukunftsorientiert dachte. Ein Kopf, der nie egozentrisch für persönliches Prestige arbeitete, sondern mit vollem Engagement für die gemeinsame christliche Sache.«

Der am 26. Februar 1930 in Hamburg geborene Pawlowski kam nach Stationen beim Spiegel und bei der Katholischen Nachrichtenagentur nach Frankfurt zu Publik – der von den katholischen Bischöfen 1968 ins Leben gerufenen und 1971 wieder eingestampften linksliberalen katholischen Wochenzeitung. Als Vorsitzender des dortigen Betriebsrates fiel dem Gewerkschafter Pawlowski die Aufgabe zu, die Abfindungen für die Kollegen auszuhandeln. »Ich wickelte ab, und zugleich wickelte ich auf.« So nannte er das. Denn mit engagierten Studierenden und einer eigens gegründeten Leserinitiative bereitete er da schon das »neue« Publik vor. Christlich und unabhängig sollte es sein. Am 28. Januar 1972 erschien die erste Ausgabe.

Mit Publik-Forum hat Harald Pawlowski eine Zeitschrift gegründet, von der nur wenige glaubten, dass sie sich gegen den Koloss Amtskirche länger halten könnte. Er ging dieses Wagnis ein. Damals hatten er und seine Frau Hildegard drei kleine Kinder und kein Geld. Es war eine Zeit großer Entbehrungen. Und ein Abenteuer für ihn und seine Frau, die oft ohne ihn auskommen musste, weil er Tag und Nacht mit Publik-Forum beschäftigt war. Aber sie stand unerschütterlich an seiner Seite und auch zu dem Projekt Publik-Forum. »Das habe ich alles mitgeliebt«, sagte Hildegard Pawlowski am 80. Geburtstag ihres Mannes. Bis 1998 leitete Harald Pawlowski die kontinuierlich wachsende Redaktion, später wurde er Herausgeber und von 2011 an war er Ehrenherausgeber von Publik-Forum.

Wer sich an die Gespräche mit ihm erinnert, sieht einen über lange Strecken schweigenden Menschen mit wachen Augen. Es entging ihm nichts. Er hörte zu und sammelte Ideen und Argumente. Und dann fasste er zusammen und stellte die Frage, für die er berüchtigt war: »Was ist an diesem Thema das Besondere für Publik-Forum?« Wer mit ihm arbeitete, in Verlag und Redaktion, weiß bis heute, was das Besondere an Publik-Forum ist: sein Mut, seine Zähigkeit. Bis zum Beginn der Corona-Pandemie war er immer wieder ein freundlicher und kluger Gast im Verlagsgebäude. Sein Geist, seine Hoffnung, sein Mut und sein Glaube an eine bessere Welt werden bleiben.

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Annegret Laakmann
02.06.202216:59
Die Nachricht vom Tod Harald Pawlowskis hat mich sehr getroffen. Er war ein grossartiger Mensch. Ich werde ihn nie vergessen