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»Schön, wieder in Deutschland zu sein«

von Thomas Seiterich 28.05.2014
Mein Katholikentag hat morgens um halb sechs begonnen, im Zwielicht und Regen auf der Autobahn A5 – Richtung Frankfurter Kreuz und Rhein-Main-Flughafen. Ich habe Eugenie Musayidire abgeholt. Sie wird am Samstag um 14 Uhr in der zentral gelegenen Oswaldkirche in Regensburg beim »Katholikentag Plus« aus ihrem aufregenden Leben in Ruanda berichten
Brücken bauen in Regensburg: Gelingt das den Katholikinnen und Katholiken? Mehr als 30.000 Dauergäste sind zum Katholikentag angemeldet, weitere 30.000 Tagesbesucher werden zusätzlich erwartet. (Foto: pa/dpa/Uli Deck; Grafik: www.katholikentag.de)
Brücken bauen in Regensburg: Gelingt das den Katholikinnen und Katholiken? Mehr als 30.000 Dauergäste sind zum Katholikentag angemeldet, weitere 30.000 Tagesbesucher werden zusätzlich erwartet. (Foto: pa/dpa/Uli Deck; Grafik: www.katholikentag.de)

Der Ethiopian Airlines-Flug aus Addis Abeba mit Zwischenlandung im saudischen Dschiddah landet pünktlich. Das Warten ist dennoch hart, finde ich an diesem Morgen. Hat ein aufgeklärtes Christentum von heute irgendwelche Hilfestellungen für das Warten auf Flughäfen und Bahnhöfen? Und dann, endlich: Eugenie Musayidire, 62, schlank, zierlich und quicklebendig, kommt als eine der letzten Passagiere aus der Milchglastür im Terminal B1.

»Schön, mal wieder in Deutschland zu sein! Es regnet, nur nicht so heftig wie bei uns in Zentralafrika,«, sagt Eugenie zur Begrüßung. Im Auto beginnt sie zu erzählt: von Freunden in ihrer Gemeinde Saint André in der Stadt Gitarrama, von Nachbarn – und von Häftlingen im Zentralgefängnis, die wir beide kennen.

Dann biegen wir von der Autobahn ab und fahren Brötchen kaufen. Deutsche, knusprige – »mit den grünen Körnern! Ach wie heißt das noch mal? Mit Kürbis drauf!«

Ja, der Katholikentag. Eugenie will viel erzählen. Wie sie auf Gott sauer war und mit Jesus Christus eine Weile lang völlig fertig, nachdem ihre gesamte Familie beim Völkermord in Ruanda vor zwanzig Jahren als wehrlose Tutsis abgeschlachtet worden waren. Damals zerbrachen auch die Leben der Überlebenden.

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Und das in einem Land, das stets an eine hübsche christentümliche Legende geglaubt hatte. Sie lautet: »Wo wohnt der Liebe Gott seit der Erschaffung der Welt? Antwort: In Ruanda. Denn nirgendwo sind die Wiesen so grün, die Hügel so rund und die Kühe so glänzend braun wie in dem kleinen, von fleißigen Menschen bewohnten Bergland in Zentralafrika. Klar, von Montag bis Freitag muss auch der Liebe Gott arbeiten, in den Nachbarländern rundherum, denn dort geht es ja recht übel zu. Doch an jedem Wochenende kommt Gott nach Ruanda zurück und erholt sich zuhause von seiner auswärtigen Arbeit.«

Es ist schwer, Christin oder Christ zu sein in einem Land wie Ruanda, an dessen Straßenecken, Kirchportalen und Bushaltestellen im Frühling 1994 binnen hundert Tagen rund eine Million Menschen totgeschlagen wurde, mit Macheten oder mit bloßen Händen. »Im Gefängnis von Gitarrama haben wir drei Priester. Sie wurden wegen Beteiligung am Genozid zu lebenslänglich verurteilt«, erzählt Eugenie. Letzten Sonntag, als die von ihr vorbereitete Firm-Gruppe von Lebenslänglichen, also von Massenmördern, gefirmt wurde, hat der Bischof die drei verurteilten Knastpriester besucht. In einem anderen Gefängnis sitzt eine Ordensfrau lebenslänglich ein. »Sie hat viele Leute auf dem Gewissen – aber jetzt kümmert sie sich um die alten Gefangenen und um die religiösen Gesprächskreise im Frauenknast«, erzählt Eugenie…

Sie selbst hat den Mörder ihrer Mutter im Gespräch gestellt. Und sie geht an jedem Werktag ins Gefängnis, um dort mit den im Knast geborenen Kindern zu arbeiten. Eugenie versteht das als Friedensarbeit.

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